Martin Freeman in der Vaterrolle

Review: Breeders Staffel 1

19.09.20 14:55
Neue SerienReview
Mini-Spoiler
Michael
19.09.20

Dass Kinder reizend sein können, weiß jeder. Es kommt natürlich auf die Perspektive an. Derweil Freunde und Anverwandte Kleinkinder in der Regel im positiven Sinne ganz reizend finden, kann es bei betroffenen Eltern schonmal deutlich in die andere Richtung pendeln, im Sinne von ‚gereizt sein‘. Je nach Situation wandelt man jetzt von einem Extrem ins andere – und ich glaube, selten ist es einer Serie besser gelungen, das darzustellen, als der aktuellen FXP-Produktion „Breeders“. Gerade lief das Staffelfinale bei uns auf Sky – Anlass genug, meinem sehr positiven Review zur Pilotfolge jetzt das Staffel-Review folgen zu lassen.

Ich war ja skeptisch, ob „Breeders“ das hohe Niveau des Auftakts würde halten können. Nach den zehn Folgen kann ich aber Entwarnung geben:
Martin Freeman als Ideengeber und Hauptdarsteller sowie Chris Addison und Simon Blackwell als Autoren, Dramaturgen und Produzenten schaffen es, zehn Mal 30 Minuten lang, bestes Familiendrama zu erzählen. War es zu Beginn noch idealtypisch das Thema „Einschlafen“, so wandeln sie im Laufe der Staffel durch praktisch alle Themen, die das eine oder andere Familiendrama auslösen können: Der langersehnte gemeinsame Abend zu Zweit, der dann doch nicht zustande kommt, der Besuch der sperrigen Großeltern, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie samt der Themen Karriere und Betreuung – alle Themen mit Konfliktpotenzial werden hier gestreift und sehr gut erzählt. Die Autoren und der Cast arbeiten sich gewissenhaft und glaubwürdig an allen Themen ab, manches wirkt etwas überspitzt, aber alles durchaus realistisch.

Man leidet mit, man fiebert mit, was auch ein Verdienst von Martin Freeman als Paul und Hauptdarstellerin Daisy Haggard als Ally ist. Vor allem Martin Freeman ist so drin in der Vaterrolle und man merkt trotz aller Dramatik, welche Freude am Spiel er hat. Dazu wurde auch der Neben-Cast gut besetzt, Alun Armstrong als Pauls knorriger Vater zum Beispiel, gerade zum Ende der Staffel, wenn er versucht, irgendeine Ebene mit Pauls Tochter zu finden, nur um wenige Momente wieder bei Paul aufzutauchen und zuzugeben: ‚Ich kann’s nicht.‘ Oder Michael McKean als Allys weltenbummlerischer Vater, der konsequent seinen Weg geht und damit auch immer wieder den Erziehungsplan von Paul und Ally durchkreuzt.

Am Ende gibt’s dann auch noch einen Schuss Dramatik, wenn Sohn Luke ernsthaft erkrankt. In der Folge steckt so viel, von der Hoffnung Pauls auf eine neue berufliche Herausforderung, was auch eine gewisse Selbstbestätigung bedeuten würde, über das Abwägen, was genau denn nun die Symptome bei Luke bedeuten (zwischen ‚wird schon nichts sein‘ bis ‚und wenn es etwas Ernstes ist‘ kennen Eltern sicher auch hier die komplette Spanne) bis zum Hoffen und Bangen, wenn die Untersuchungen anstehen. Hier zeigen die Autoren, dass sie auch nicht nur lustig können, sondern durchaus auch die Ernsthaftigkeit des Lebens erzählen können. Ganz spannend ist dann aus meiner Sicht das Ende angesetzt, wenn Paul entgegen aller Vorsätze in alte Muster zurückfällt, was ihn dazu veranlasst, sich dann doch einmal in Therapie zu begeben.

Darüber musste ich dann doch ein bisschen mehr nachdenken. Was gibt es für Ereignisse im Leben von Eltern, die einen in die eine oder andere Richtung pendeln lassen. Was ist richtig, was falsch? Wann reagiert man angemessen, wann nicht? Die zehn Folgen zeigen: Es ist immer ein schmaler Grat. Es gibt keinen perfekten Weg, und es geht vieles einfach nur gemeinsam. Und wenn etwas einen erkennbar überfordert, ist es auch nur richtig, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Insofern hat „Breeders“ über lange Strecken etwas unterhaltsames, am Ende aber sogar etwas tiefsinniges.

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