Mit der zweiten Staffel von „Daredevil: Born Again” knüpft Marvel an die Netflix-Ära an und liefert ein schonungsloses Duell zwischen Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) und Matt Murdock (Charlie Cox).
Während die erste Staffel aufgrund interner Umstrukturierungen und Streiks künstlich zusammengeflickt wirkte, erscheint die Fortsetzung nun deutlich konsequenter erzählt. Alles beginnt mit einem Schiff, das mit geschmuggelten Waffen beladen ist und versenkt wird. Für New Yorks Bürgermeister Wilson Fisk wird es zur Belastung, denn einige Leute wollen ihre Waffen zurück. Als dann auch noch seine Frau Vanessa (Ayelet Zurer) den Auftragskiller Bullseye (Wilson Bethel) engagiert, spitzt sich die Lage immer weiter zu. So entfaltet sich die düstere Serie über Macht, Schuld und die Frage, ob Menschen sich wirklich ändern können. Während die Rivalität zwischen Fisk und Murdock in den vorherigen Staffeln klar in Held und Schurke getrennt war, verwischt diese Staffel diese Grenzen zunehmend. Fisk beginnt als wohlmeinender Politiker, der versucht, New York nach seinen Vorstellungen neu zu gestalten. Nach dem Mord an seiner Frau Vanessa zerbricht diese Fassade Stück für Stück. Übrig bleibt ein Mann, der glaubt, Ordnung durch Angst herstellen zu müssen, dabei aber nicht merkt, dass er genau das Chaos erzeugt, das er zu bekämpfen vorgibt. Parallel dazu befindet sich Matt in einer existenziellen Krise, die sich durch die gesamte Staffel zieht. Sein Glaube an das Rechtssystem, der ihn lange definiert hat, wird systematisch untergraben. Gerichte sind korrupt und die Polizei wird instrumentalisiert. Die Serie inszeniert diesen inneren Konflikt sehr gut. Matt steht zwischen seinem katholischen Glauben, seinem Wunsch nach Gerechtigkeit und der brutalen Realität auf der Straße.
Besonders gut gefallen hat mir in dieser Staffel die visuelle Sprache. Farbkontraste ziehen sich konsequent durch alle Episoden. Kaltes Blau steht dabei für Macht und Kontrolle, während warmes Rot konsequent für Emotionen und Chaos steht. Spiegelungen, Perspektiven und Lichtsetzung werden zudem gezielt eingesetzt, um innere Zustände sichtbar zu machen. Dies wirkt nie wie ein Selbstzweck, sondern unterstützt die Handlung. Etwas an Erzähltempo verliert die Staffel jedoch, wenn sie sich zu sehr auf ihre Nebenfiguren fokussiert. Dabei finden jedoch auch einige spannende Charakterentwicklungen statt. So verwandelt sich Karen Page von der klassischen Verbündeten zur eigenständigen Figur, die zunehmend radikalere Positionen einnimmt. Ihr Weg zeigt, wie dünn die Linie zwischen Gerechtigkeit und Rache tatsächlich ist. Bullseye wiederum fungiert als dunkles Gegenstück zu Matt. Er ist ein Mann, der verzweifelt versucht, seine Taten wiedergutzumachen, dabei aber nie wirklich aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen kann. Neugierig macht auch die schleichende Transformation der Psychologin Heather Glenn (Margarita Levieva). Was als Trauma-Bewältigung beginnt, kippt zunehmend in eine Faszination für Gewalt und Kontrolle. Das Staffelfinale deutet an, dass sie zu einer weiblichen Muse werden könnte. Eine Entscheidung, die nächste Staffel interessantes Potenzial birgt.
Mit dem Staffelfinale liefert Marvel einen emotionalen Höhepunkt. In der letzten Folge werden sämtliche Themen der Staffel, Identität, Schuld, Machtmissbrauch und Selbstjustiz, aufgegriffen. Besonders eindrucksvoll ist die Gerichtssequenz inszeniert. Fisk wird wie ein Herrscher von unten gefilmt, begleitet von Chormusik. Matt dreht das Machtspiel um und macht schließlich aus seiner größten Schwäche, seiner Geheimidentität, eine ultimative Waffe. Das „Ich bin Daredevil“ gehört zu den stärksten Momenten der Staffel und lehnt sich an bekannte Comic-Momente an. Das Ganze gipfelt schließlich in einer physischen Auseinandersetzung. Ein Protest vor dem Gerichtsgebäude erinnert bewusst an reale politische Unruhen in den USA. Dabei macht die Serie klar, dass Selbstjustiz immer zwei Seiten hat. Einerseits können Menschen wie Daredevil Hoffnung geben, andererseits können Mobs ebenso schnell in Gewalt abrutschen. Gerade deshalb müssen Matt und die zurückgekehrte Jessica Jones (Krysten Ritter) am Ende sogar Fisk retten. Nicht, weil er es verdient hätte, sondern weil die Stadt sonst ihre moralische Orientierung verlieren würde. In den letzten Minuten wird überraschend deutlich die Tür zur Zukunft geöffnet: Luke Cage (Mike Colter) taucht auf und deutet damit an, dass es in Staffel 3 vermutlich ein Wiedersehen der „Defenders“ geben wird. Allgemein verspricht das Staffelende eine Neuausrichtung für den Mann ohne Furcht. Nach fünf Staffeln nervenaufreibender Kämpfe zwischen Daredevil und Kingpin ist es aber auch höchste Zeit.
Fazit
Die Marvel-Serie nimmt wieder Fahrt auf und erzählt die Fehde zwischen Daredevil und Kingpin konsequent zu Ende. Das sieht vor allem visuell großartig aus, echte Neuerungen bleiben jedoch aus.
Bilder: Disney





































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