Die Superhelden im Sitcom-Umfeld bei Disney+

Review: Marvel’s WandaVision S01E01+E02 – Mit einem Live-Publikum gefilmt & Nicht umschalten!

Mini-Spoiler
Michael
16.01.21

Ja, es ist lange her, dass wir etwas aus dem Marvel Cinematic Universe gesehen haben. Im Juli 2019 war das, als Marvel „Spider-Man: Far From Home“ dem großen „Avengers: Engame“ nachschob und damit Phase III des MCU beendete. Phase IV sollte mittlerweile längst gestartet sein, mit „Marvel’s Black Widow“, und „Marvel’s Eternals“. Doch Corona machte den Planern einen Strich durch die Rechnung: Gegen eine weltweite Pandemie kamen dann noch nicht einmal die Kreativen des Marvel-Universums an, so dass Phase IV jetzt ganz klein startet, auf dem Fernseher statt auf der großen Leinwand, aber immerhin: Sie startet.

Und der Start in die Zukunft des MCU beginnt überraschend: in Schwarz-Weiß, in 4:3, als Sitcom aus den 50ern. „Marvel’s WandaVision“ macht also den Anfang, und wenn man die ersten Minuten so sieht, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass der Start eigentlich nicht besser hätte inszeniert werden können. Warum?

Showrunner Jac Schaeffer und Regisseur Matt Shakman spendieren uns nicht nur die Rückkehr zweiter Helden aus Phase III, mit denen wir eher weniger gerechnet hätten, sondern gleichzeitig eine Hommage an das Fernsehen. Aus den Trailern wissen wir schon, dass es nicht beim 4:3 Format bleiben wird, und am Ende von Folge 2 verliert die Serie auch gänzlich ihre Farblosigkeit. Und aus Interviews mit Schaeffer und Shakman wissen wir auch, dass man im Laufe der Serie die unterschiedlichen Ausprägungen und Entwicklungen der Sitcoms nachempfinden wird. Die ersten beiden Folgen widmen sich zunächst einmal der klassischen 50er Jahre-Sitcom, die vor Live-Publikum in ein oder zwei Durchgängen aufgezeichnet wurden. Matt Shakman achtete beim Start von „WandaVision“ genau darauf, diese Atmosphäre der 50er Jahre einzufangen. Also wurde auch der Pilot vor Studio-Publikum aufgezeichnet, und der Regisseur versuchte, möglichst viele Stilmittel einzusetzen und die Technik möglichst so zu begrenzen, wie man sie zur damaligen Zeit zur Verfügung hatte.

So finden sich Anleihen an „The Dick van Dyke Show“ (die Disney-Legende Dick van Dyke wurde als Berater zur Produktion hinzugezogen – ich hätte mir auch einen Gastauftritt gewünscht), an „Bewitched“ oder vor allem auch an „I Love Lucy“. Jac Schaeffer baut sogar kurze Werbepausen ein, die ebenfalls in klassischem Stil gehalten sind, die uns aber auch versteckte Hinweise auf unsere beiden Hauptfiguren geben. Werbung 1 präsentiert ein Produkt von Stark Indutries – wohl ein Verweis auf Vision, der im Prinzip auch ein Produkt von Stark ist. Und Werbung II bietet einen Verweis auf Wolfgang von Strucker, der Wanda mit Hilfe von Lokis Zepter ihre Kräfte verlieh und sie zu Scarlet Witch machte – tolle Idee, das so umzusetzen.

Zurück zum eigentlichen Sitcom-Format: Es finden sich klassische Filmschnitte statt digitaler Effekte, so dass eine ganz besondere, fast perfekte Umgebung entsteht. Fast perfekt eben nur, weil irgendetwas nicht zu stimmen scheint. Für uns als Zuschauer auf jeden Fall, weil wir ja wissen, dass die beiden Hauptfiguren aus der Serie, Wanda Maximoff alias Scarlet Witch und Vision, eigentlich in einer anderen Zeit Zuhause sind, und wer die Geschichte von Vision aus Phase III kennt, wird sich sowieso fragen, warum er überhaupt auftaucht. Auch den beiden Hauptcharakteren ist einiges nicht ganz geheuer: Sie wissen nicht, warum der auf dem Kalender markierte 23. August ihr Jahrestag sein soll, sie wissen nicht, wann sie geheiratet haben und wo sie herkommen. Vor allem Wanda kommen schnell erste Zweifel, ob das alles so richtig ist, wie es sich darstellt.

Und am Ende der ersten Folge verlassen wir auch das TV-Umfeld und landen in einer Art Überwachungsstation, in der die erste Folge auf dem klassischen Screen abläuft. Wo befinden wir uns? Ein Logo am Rande des TV-Screens gibt uns einen Hinweis: Wir scheinen bei S.W.O.R.D. gelandet zu sein, was für Sentient Welt Observation and Response steht und das Gegenstück zu S.H.I.E.L.D. bildet. Derweil S.H.I.E.L.D. ursprünglich auf der Erde operiert, ist S.W.O.R.D. im Weltall unterwegs, um die Welt vor außerirdischen Bedrohungen zu schützen. Mehr Hinweise auf S.W.O.R.D. liefert dann Folge 2 der Staffel, die Disney dann kurzerhand noch hinterhergeschoben hat – wohl auch, um den Fans nach der mysteriösen, aber wenig spektakulären ersten Folgen etwas mehr Futter zu geben. Dazu kommt, dass rund ein Drittel der Pilotfolge aus Abspann besteht und 22 Minuten Inhalt zwar perfekt zum Sitcom-Umfeld passen, aber natürlich recht wenig Stoff liefern und wenig Raum für weitere Hinweise bieten.

Davon bekommen wir wie gesagt in Folge 2 mehr angeboten. Unter anderem taucht S.W.O.R.D. nochmal als Logo auf. Ein Spielzeug-Helikopter landet im Garten von Wanda und trägt das entsprechende Logo. Auch später scheint Wands Schwarz-Weiß-Realität weiter zu bröckeln – etwa wenn über das Radio jemand versucht, mit Wanda Kontakt aufzunehmen, oder wenn aus dem Untergrund auf der Hauptstraße des Vorortes Westview, in dem Vision und Wanda leben, jemand emporsteigt, der ebenfalls das S.W.O.R.D.-Logo trägt. An dieser Stelle versteht es Wanda allerdings, einzugreifen und die sich ihre präsentierende Realität zu verändern. Sie spult kurzerhand zurück und schafft sich ein neues Happy End, das auch bedeutet, dass ihr Alltag endlich Farbe bekommt und aus dem engen 4:3-Rahmen ausbricht.

Anspielungen und Andeutungen im „Marvel’s WandaVision“-Piloten

Die Verbindung von Wanda und S.W.O.R.D. wird wohl weiter bestimmend bleiben für die Serie, vor allem auch, wenn man bedenkt, dass sich mit Monica Rambeau ein weiterer Charakter in dieser Sitcom-Umgebung bewegt, der eine Verbindung zu S.W.O.R.D. hat. Auch sonst bedient sich Jac Schaeffer munter im Marvel-Universum, um die ersten Augenblicke von Phase IV entsprechend aufzuladen. Das hat Marvel ja seit Jahren schon bestens verstanden: Sich des eigenen Fundus‘ zu bedienen und dabei Stories, Organisationen und Charaktere sowie Filme und Serien perfekt zu verbinden. Und so können wir nach den beiden Folgen natürlich munter spekulieren, was wir da gesehen haben und was uns noch erwarten wird. Dass Wanda in einer eigenen Realität lebt, ist zum Beispiel nicht neu, sondern Marvel-Comicleser kennen das aus der Story „House of M“, in der Wanda erfährt, dass ihre Kinder nicht mehr leben. Sie erschafft sich eine eigene Realität, in der die Kinder noch leben. Jetzt lebt sie in einem Umfeld, in dem Vision noch existiert, und – oh Wunder – am Ende der Doppelfolge ist Wanda auch noch schwanger. Und die Zaubershow in Folge 2 ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung „for the children“…

Apropos Zaubershow: In der Show treten Wanda und Vision als das Showpaar Glamor und Illusion auf – und das Paar kennen wir ebenfalls schon aus den Weiten des Marvel-Comicuniversums. Dahinter verbergen sich Ilya und Glynis Zarkov, die sich als Magier ausgegeben haben, um ihre wahren Superkräfte zu verbergen. So machen es jetzt auch Wanda und Vision, und sogar ihre Outfits erinnern an die beiden Charaktere – die in den Comics ja tatsächlich auch schon einmal aufeinander tragen, als Glamor und Illusion Scarlet Witch und Vision halfen. Und dann ist da noch die neugierige Nachbarin Agnes, die Wanda in vielen Momenten zur Seite steht und weiterhilft. Dabei könnte es sich um den Marvel-Charakter Agatha Harkness handeln, die in den Comics Wandas Mentorin ist. Sie ist es, die in den Comics Wandas Erinnerung an ihre Kinder löscht, und Agnes sagt ja gleich zu Beginn der Serie, dass Wanda ja alleinstehend und wohl nicht verheiratet sei. Steht sie im Zusammenhang damit, Wandas Erinnerung daran zu verschleiern, dass sie Vision bereits verloren hat? Und sind die anderen Charaktere in Westview unter Umständen ebenfalls weitere Marvel-Charaktere? Ist ein Symbol im Vorspann ein Hinweis auf die Ankunft von Grim Reaper?

Man merkt schon, allein die beiden ersten Folgen bieten jede Menge Raum für Spekulationen, und wenn man die Folgen so sieht, bekommt man irgendwie das Gefühl, dass es eine gute Fügung war, dass ausgerechnet „Marvel’s WandaVision“ Phase IV eröffnet. Es ist eine Hommage an das Fernsehen, es bietet Raum für ganz viele Marvel-Storyfragmente und Charaktere, es liefert eine Menge Stoff für echte Marvel-Fans. Auch, wenn es lange gedauert hat – wir sind angekommen in der Zukunft des MCU, und es fühlt sich gut an.

PS: Übrigens, so wie sich „Marvel’s WandaVision“ durch die TV-Geschichte bewegen wird und so jede Woche einen neuen Ansatz bietet, werden wir uns im seriesly AWESOME-Team ebenfalls mit den Reviews zu den einzelnen Episoden abwechseln und so immer neue Perspektiven auf die Serie bieten. Chris und Fabio werden sich also in den nächsten Wochen mit mir abwechseln.

Bilder: Disney

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