Das Ende einer großen Serie

Review: House Of Cards Staffel 6

28.11.18 09:22
House of CardsReview
SPOILER !!
Jonas
28.11.18

Und da ist sie, die letzte Staffel der prägenden Serie der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts. Seit 2013 bin ich absoluter Fan des nicht ganz einfach verdaulichen Polit-Dramas. Auch wenn man nicht jeden Handlungsstrang nachvollziehen, sich nicht jeden Namen der Personen merken kann, wirkt die Darstellung von Macht und Verrat wie eine Droge. Ich will auch behaupten, dass die US Adaption (ja, es gibt auch ein britisches „House of Cards„) maßgeblich durch den Cast funktioniert hat, insbesondere durch den inzwischen sehr umstrittenen Kevin Spacey. Das Spiel mit dem Antihelden, der den Zuschauer direkt anspricht und mitnimmt auf seiner brutalen Reise zur Macht, ist der Clou der Serie. Umso mehr stellte sich die Frage: Kann die sechste und letzte Staffel ohne das Zugpferd Kevin Spacey überzeugen?

Claire ist an der Reihe

Ihr werdet euch erinnern, die letzte Staffel endete mit den markigen Worten „Jetzt bin ich dran“ oder „Now it`s my turn“. Insofern war auch da schon klar, dass Claire eine tragende Rolle übernehmen wird, obwohl man zu diesem Zeitpunkt noch mit Kevin Spacey plante und sogar die Dreharbeiten mit ihm startete.

Wie bereits in meinem Review zum Auftakt beschrieben, versucht „House of Cards“ gar nicht erst, einen eleganten Übergang von Claire zu Frank zu inszenieren durch beispielsweise seine Stimme, alte Aufnahmen oder Aufnahmen der bereits gestarteten Dreharbeiten. Nein, harter Cut, er ist tot und wir wollen uns nicht mehr um ihn kümmern.

Im Verlauf der Staffel geht es dann aber natürlich doch um Kevin bzw. um Claires Kampf, sich von ihm loszulösen. Besonders gelungen finde ich dieses Spiel, da sie nicht nur gegenüber den Charakteren ihren Platz beansprucht, nein, auch gegenüber dem Zuschauer macht sie deutlich klar, dass sie anders ist und es nun ihre Präsidentschaft ist.

Etwas schade jedoch: Diese Staffel fokussiert diesen Machtkampf und lässt so gut wie keine Nebenschauplätze zu. Beispielsweise gab es in der letzten Staffel nach der gewonnen Wahl die Abdankung von Frank und die Übernahme vom Claire. In dieser Staffel vermisse ich den Wechsel der Thematik, was aber bei nur 8 Folgen – und damit 5 weniger als bei den anderen Staffeln – auch kaum möglich gewesen wäre.

Die Frage, ob Claire „House of Cards“ auch alleine tragen kann, habe ich im Review zur ersten Folge mit ja beantwortet und auch nach den verbleibenden Folgen der Staffel kann ich dieses Urteil bestätigen. Trotzdem kann mich die Staffel nicht komplett überzeugen.

Zu viel Actionfilm…

Wie realistisch „House of Cards“ in der Vergangenheit war, kann man als Normalsterblicher schwer beantworten. Aber es wirkte trotz extremer Ereignisse realistisch. Staffel 6 kann ich dieses Prädikat nicht verleihen.

Zunächst fehlt der Bezug zur amerikanischen und internationalen Politik. Bis auf den Syrienkonflikt und dem russischen Präsidenten sehen wir fast keine Verbindung zu real existierenden Problemen der Welt. Für mich waren diese Verbindungen immer belebend. Wie wirkt sich der (fiktive) Machtkampf auf die Welt aus, wie reagieren Claire und Frank auf die konkurrierende Partei, die UN, die Bevölkerung? Das wertete die Handlung meiner Meinung nach deutlich auf.

Schlimmer als diese fehlende Verbindung sind aber die Actionfilm-Momente. Ja, es gab auch Morde in den vorangegangenen Staffeln. Aber diese waren wenigstens schwierig umzusetzen; es wurden bspw. Spuren hinterlassen wie bei Zoe und es war „Handarbeit“. Jetzt erleben wir, wie Claire – keine Ahnung wie – am laufenden Band Menschen, die ihr gefährlich werden, aus dem Weg räumt. Die ehemalige Außenministerin Catherine Durant wird in James Bond Manier von Scharfschützen erschossen. Dann haben wir den Mordanschlag auf Tom Hammerschmidt oder die Vergiftung von Jane Davis. Das überfordert mich, es ist einfach zu viel und zu unglaubwürdig.

Auch die Gegenbewegung, dass die Sheperds den Mord an Claire planen – geht es noch? Es ist in gewisser Weise eine Kapitulation der Autoren. „House of Cards“ funktioniert mit Intrigen und Erpressung, dass man sich am Ende Claire nur noch durch einen Mord entledigen könne, nein, das passt nicht zur Serie und ist meiner Meinung nach nur durch die Kevin Spacey Situation zu erklären; man hatte offenbar zu wenig Zeit, eine gute Geschichte zu schreiben.

…aber trotzdem spannend

Bevor ich mich aber in Rage rede, die Staffel ist trotzdem spannend und beendet, wenn auch etwas plump, die meisten der angefangenen Handlungsstränge.

Interessant und innovativ ist auch der Weg, den Claire einschlägt. Sie macht sich den Geschlechterkampf und Feminismus zu nutze. Ich finde diese Wendung großartig, als sie beispielsweise auf einmal ihr Kabinett ausschließlich mit Frauen besetzt. Die Beschmutzung der feministischen Idee ist das Sahnehäuptchen auf ihrem rücksichtslosen Weg. Und man ertappt sich dann auch an der ein oder anderen Stelle bei der Frage, ob man ihr nicht unrecht tut, da sie eine Frau ist. Hätte man Frank das alles eher durchgehen lassen, weil er ein Mann ist? Genau darauf zielten die Autoren sicher ab und bringen das Mitfiebern mit dem Antihelden auf eine neue Stufe. Inbesondere, da sie am Ende sogar noch schwanger ist.

Die letzte Szene

Die alles entscheidende Szene, die Szene, mit der sich eine Serie verabschiedet; mir ging schon etwas die Pumpe, als ich realisierte, dass es gleich vorbei sein soll. Was in dieser Szene passieren wird, vermochte ich auch nicht vorherzusagen. Also, ob Doug nicht doch seinen Zweck erfüllt und Claire tötet? Dass er es nicht getan hat, passt zu seinem Charakter und auch, dass er der Mörder von Frank war. Die beiden waren so eng, er hat für ihn so viel geopfert, dass es Sinn macht, dass er das schützen wollte, was er mit ihm aufgebaut hat und ihn sozusagen als Märtyrer getötet hat.

Trotzdem ist das ganze Vorspiel in diesem Kontext nur schwer einzuordnen, wie oft hörte man ihn in der Staffel, dass er Claire besiegen wolle. Trotzdem finde ich, dass die letzten Minuten Claire und Doug mit die besten der Staffel sind. Sie sind ehrlich, sie gehen in den Kern der Serie und der Charaktere. Dass sie ihn am Ende tötet, passt auch dazu.

Was mich allerdings stört, dass es danach nicht weiter geht und sie – trotz offenen Endes – irgendwie gewonnen hat. Klar, man fiebert insgeheim mit den Antihelden der Serie mit, aber verdient haben sie es trotzdem nicht zu gewinnen. Und was ist mit dem drohenden Atomschlag, was ist mit der Verschwörung gegenüber ihr, gibt es noch einen weiteren Attentäter?

Was bleibt?

Man spürt in den 8 Folgen die ungeplante Abwesenheit von Kevin Spacey. Die Verkürzung der Staffel und das unvollkommene Ende; ich bin der Meinung, man hätte es besser machen, besser beenden können. Viel von den dramaturgischen Fehlgriffen macht Robin Wright durch ihr Schauspiel als Claire wett, aber an Ende ist es dann doch die schwächste Staffel der Serie mit einem unbefriedigenden Ende.

Bilder: Sky / Netflix

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5 Kommentare

  • Ohne dein Review aus Spoilergründen gelesen zu haben – lohnt es sich, weiter zu schauen, wenn man nach Folge 3 noch nicht so richtig gehookt ist? Vermutlich liegt es daran, dass ich Claire eh noch nie mochte und so alles irgendwie langweilig ist und man es (bis auf Doug) so niemandem mehr recht gönnen mag…

    • Also wenn du keinen Drang hast zu erfahren wie die Serie beendet wird, dann kannst du aufhören. Bzw. man kann es so ausdrücken: Die Staffel der Staffel willen zu schauen lohnt sich nicht.

      • Das ist das einzige, das mich überhaupt so weit hat kommen lassen. :) Danke für die Info, dann gibt es die paar Folgen vielleicht als Füllmaterial beim Sport oder so.

  • Ich weiß ja nicht :/ irgendwie fand ich die Ganze Staffel sehr sehr enttäuschend und vor allem viel zu unaufgeklärt.
    Du sprichst es ja auch an und fasst es allgemein sehr gut zusammen.

    Eine so großartige Serie endet einfach mal sooo schwach und hinterlässt soooviele Fragezeichen. Schade drum.

    Das schlimmste ist aber wirklich, das Clair am Ende auch noch Gewinnt :/



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