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Wechselhafte Oberflächenspannung

Review: Tender Hearts – Staffel 1

Mini-Spoiler
25. April 2023, 17:07 Uhr
Mini-Spoiler
Maik
25.04.23

Seit sechsten April ist das vielversprechende deutsche Original „Tender Hearts“ bei Sky zu sehen. Alle Infos dazu hatten wir euch hier gesammelt und die erste der insgesamt acht Folgen kann man gratis auf YouTube schauen, solltet ihr euch zunächst selbst ein Bild machen wollen. Ich habe die komplette Staffel gesehen und möchte in meinem Spoiler-armen Review (wenn es konkreter wird, werde ich es entsprechend kennzeichnen!) erzählen, ob es sich lohnt, die Serie zu schauen. Leider ist „Tender Hearts“ kein epochales Wunderformat, aber ein Totalreinfall ist es auch nicht.

Sind Humanoiden die Zukunft der Liebe?

Roboter als Lebens- und Liebesbegleitung – was seit Jahrzehnten als futuristische Science Fiction immer wieder aufs neue thematisiert worden ist, erschien selten so nah und greifbar wie in unserer heutigen Zeit. Entsprechend viele Anknüpfungspunkte sollte es eigentlich für unsereins geben, wenn die junge Frau Mila sich einen „Lovedroid“ anmietet. Bo heißt dieser total lebensecht erscheinende Roboter. Naja, in manchen Aspekten zumindest. Zungen sind noch schwer machbar und auf die Idee, den regelmäßig zu leerenden Beutel an eine Stelle zu packen, an der er ihn eigenständig wechseln kann, kam man bislang auch noch nicht. Aber gut, „Tender Hearts“ soll ja keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Rom-Com sein.

Die Geschichte beginnt an sich verheißungsvoll. Vor allem in den ersten beiden Folgen bekommen wir zudem auch abseits der zentralen Zukunftsvision eines humanoiden Lebenspartners einige nette Zukunfts-Ideen geboten, die gerade weit genug von unseren bestehenden Technologien sind, dass man sie als glaubhaft erachtet. Wobei, ich meine sogar, dass es den Großteil bereits technisch umgesetzt gibt, nur eben nicht in der Massenmarktreife. Leider werden diese netten Aspekte drastisch runtergefahren, was den Auftakt künstlerisch inszeniert wirken lässt. Auch empfand ich es als etwas einfallslos, einen heutzutage handelsüblichen Staubsauger-Roboter mit einer R2D2-„Stimme“ auszustatten.

„Der Kopf darf nicht nass werden“

Aber geschenkt! Viel wichtige als kleine SciFi-Gadgets ist die Geschichte selbst, klar. Die besitzt einen progressiv ausgeprägten Anstrich, der nicht nur feministisch geprägt, sondern auch divers und tolerant ist. In „Tender Hearts“ sind Humanoiden die neue Minderheit, die als Projektionsfläche dient, um gesellschaftliche Abneigung zu demonstrieren. Das ist eine smarte Idee und eine wichtige Message – insgesamt kommt mir das aber zu kurz in der Umsetzung. Und jetzt kommt’s: Streng genommen könnte man sagen, dass so ziemlich alles zu kurz kommt in dieser Serie. Oder anders ausgedrückt: Man hat sich schlicht zu viel vorgenommen und wollte die eierlegende Wollmilchsau programmieren.

Mila ist eine eigenständige Frau, die auf zwei Beinen steht, auch wenn eines davon gelähmt ist, Shooter spielt und Videospiele programmiert. Alleine in dieser Hauptfigur sind bereits derart viele Subkulturen und Klischee-Brechungen drin, dass man es vielleicht übertrieben haben könnte. Die aus dem Münsteraner „Tatort“ bekannte Friederike Kempter spielt die Rolle größtenteils gut, gerät aber auch in manchen Momenten in Probleme, in denen Drehbuch und Regie inkonsequent werden. Nicht nur ihre Rolle ist extremen Gesinnungswechseln unterworfen, die teilweise utopisch schnell und extrem ausgeprägt geschehen. Diese inhaltlich wilde Erzählweise wird nicht gerade dadurch beruhigt, dass diverse Anschluss- und Logikfehler vorkommen. Wenn eine Person nach einem Schnitt plötzlich eine Tasse in der Hand hat, um sie in der nächsten Szene erst gen Gesicht zu führen, ist vernachlässigbar und führt eher zu einem „Ha, ich hab’s gesehen!“-Schmunzeln bei mir, aber vor allem das Ende der Geschichte wird durch fehlende Logik gewaltig unterwandert (im Spoiler-Detail: Die ganze Zeit werden die letzten Stunden von Bo aufgezeichnet und die Zentrale kann durch seine „Augen“ sehen, aber wenn er vermisst ist, schaut niemand in die Aufnahmen rein, um seinen Standort zu finden oder mal zu schauen, was er so getrieben hat?!).

Hinzu kommt verspieltes Potenzial, was Tiefe in der Story anbelangt. Im Laufe der Folgen werden immer wieder interessante Ansätze präsentiert, in welcher Form uns Wendungen erwarten könnten. Dass da auch Finten bei sind, ist normal bis gar begrüßenswert. Soll ja nicht zu vorhersehbar sein. Aber dass letztlich gar keiner dieser Wege gelaufen und uns stattdessen ein Ende präsentiert wird, das weder fordert noch erstaunt noch wirklich erfüllt, ist… lazy writing? Da steckte so viel Potenzial drin! Um es – ACHTUNG SPOILER – genauer aufzuzählen: Die Roboterrevolution, die ja sogar ganz kurz am Ende in Richtung einer zweiten Staffel(?) nochmals angeteasert wird, wäre eine denkbare Vertiefung gewesen. Das der Psychologe selbst ein Roboter ist, wäre ein denkbarer „Westworld“-Schachzug gewesen (so seltsam, wie der Typ dargestellt worden ist…?!). Oder aber dachte ich zunächst, dass Tender Hearts die Roboter nur anbietet, um die Leute auszuspionieren und Daten zu sammeln – aber auch das wurde schnell wieder eingestampft.

„Stammst du aus Japan?“ – „Einige Teile schon.“

Viele der Nebenfiguren und -Schauplätze sind mir auch allgemein zu simpel gestrickt. Heike Makatsch spielt eine Rolle, die wenigstens derart plakativ gespielt ist, dass selbiges innerhalb der Serie selbst thematisiert ist. Viele weitere Figuren bleiben zumeist eindimensional und bringen wenig Dynamik in die auf Mila und Bo fokussierte Geschichte. Madieu Ulbrich als Bo hat mir ganz gut gefallen, auch wenn ich zugegebenermaßen mit seiner Stimme erstmal warm werden musste. Das war vor allem seltsam, weil seine beiden Modell-Varianten erstaunlich natürlicher gesprochen haben. Aber gut, wir sollen ja auch nicht vergessen dürfen, dass Bo ein Roboter ist. Das wird sicherheitshalber selbst durch ihn ständig in Erinnerung gerufen. Seine kühle und direkte Art bietet auch durchaus einige Momente des Humors, aber ingesamt habe ich mir „Tender Hearts“ deutlich lustiger vorgestellt. Im Vergleich zum Film „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader war das leider gar nichts. Der war nicht nur in Sachen Humor besser, allgemein hat mir die Abgestimmtheit deutlich besser gefallen. Dafür war darin nicht Ingrid aus Indeed-Werbung zu sehen. Man kann nicht alles haben.

„Tender Hearts“ ist ein ambitioniertes deutsches Serien-Projekt, das allem Anschein nach zu viele Dinge auf einmal sein wollte und in dem Zuge leider ziemlich alles hat auf der Strecke lassen müssen, weil fünf halbgare Umsetzungen eben schlechter als zwei richtige sind. Und so haben wir es mit einer Serie zu tun, die ein bisschen gesellschaftskritisch, ein bisschen futuristisch, ein bisschen lustig, ein bisschen liebevoll und ein bisschen seltsam ist. Nach den acht Episoden weint man aber vor allem verpassten Chancen hinterher, die das Storytelling angeboten aber nicht wahrgenommen hat. Konsequenterweise muss man sich letztlich fragen, ob wir es nicht mal wieder mit so einem Fall von „Wäre es doch mal lieber einfach nur ein Film geworden“ zu tun haben.

Schlecht ist „Tender Hearts“ keinesfalls, aber wer bereits gute Umsetzungen ähnlicher thematischer Art aus Filmen oder Serien wie „Black Mirror“ kennt, läuft Gefahr, enttäuscht zu werden.

Bilder: Sky

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