BBCs neue Dramaserie mit Christopher Ecclestone

Review: The A Word – S01E01E02 Heart-Rending

04.04.16 16:49
DramaReview
Mini-Spoiler
Tobias
04.04.16

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Für genau solche Serien liebe ich das britische Fernsehen und seine kreativen Ideen. Die Briten verstehen es in meinen Augen meisterhaft, sehr ernste Themen in eine interessante Geschichte zu verpacken. Und die ersten beiden Folgen zu „The A Word“ zeugen davon, dass sich auch die Geschichte einer Familie, die wahrnehmen und damit umgehen lernen muss, dass ihr jüngster Sohn autistische Züge in sich trägt, die sein Leben und das der Familie für immer verändern werden, in dieser Reihe wiederfinden wird.

Ganz ohne Vorbild blieben die Briten aber auch nicht, basiert die Serienidee auf eine sehr erfolgreiche israelische Serie namens „Yellow Peppers“, die in 2010 auf zwei Staffeln und 26 Folgen kam. Aber natürlich wird die Geschichte in eine britische Rahmenhandlung geholt und ins wunderschöne Nordengland gehievt. Allein schon aus diesem Grund sollte man mal in die Serie reinschauen. Aus inhaltlichen Beweggründen natürlich auch.

Handlung

Im Mittelpunkt der Geschichte und des Sechsteilers steht die Familie Hughes bestehend aus Paul und Alison, der Tochter Rebecca und dem fünfjährigen Joe. Alison führt einen Dinertruck, Paul arbeitet an seinem Traum, einem Restaurantpub mit schöner Aussicht, Rebecca lebt das Leben einer 16jährigen und Joe hört am liebsten den ganzen Tag Musik. Alles scheint wunderbar, eine Familie voller Liebe, etwas Abseits aber noch in der Nähe von Manchester.

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Natürlich haben alle ihre Eigenart und insbesondere auf Joe geben alle etwas mehr Acht. Man hat in den letzten Jahren gelernt, mit seinen „Marotten“ umzugehen. Sie zu verdecken. Aber an seinem fünften Geburtstag lässt es sich nicht mehr leugnen, irgendetwas ist mit Joe anders als mit seinen gleichaltrigen Schulkameraden.

Wie man später erfahren wird, waren Paul und Alison schon mal mit Joe bei einem Arzt aber hier konnte man keine eindeutige Diagnose feststellen. Diese wird dann aber von Nicola ins Spiel gebracht, der Frau von Alisons Bruder Eddie. Die beiden sind nach der Firmenpleite Eddies aus London gerade erst wieder in die heimeligen Berge und Seen zurückgekehrt und stehen daher etwas abseits und sind nicht so daran gewohnt, Joes Eigenarten zu übersehen und zu überspielen.

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Im Verlaufe der beiden Folgen wird es aber klar diagnostiziert, Joe trägt autistische Züge und benötigt eine ganz andere Ansprache und klare Vorgaben. Vorgaben, die seine beiden Eltern bisher immer überspielt haben und sich damit rausgeredet hatten, dass ihr Junge noch so jung sei und vor allem so charmant, dass man ihm das ein oder andere auch mal durchgehen lassen muss.

An diese neue Situation müssen sich alle erst einmal gewöhnen. Da hilft es natürlich wenig, wenn auch sonst jeder so sein Päckchen mit sich herum tragen muss. Da ist vor allem Eddie und Nicola zu nennen, da Nicola in ihrer Londoner Zeit eine Affäre mit einem Kollegen – Nicola ist angehende Ärztin – hatte und sich nun nicht nur bösen Blicken sondern auch einer leichten Form der Ausgrenzung und des Misstrauens gegenüber ausgesetzt fühlen muss. Und das endet nicht nur an der Grenze des familiären Besitzes, auch das Dorf scheint eine klare Haltung zu haben.

Es deuten sich also neben der Story um Joe weitere Handlungsfäden an, die es zu verfolgen gilt. So werden die Spannungen innerhalb der Familie immer sichtbarer, vor allem zwischen Paul und Alison. Aber natürlich auch zwischen Eddie und Nicola, wobei vor allem Eddie noch nicht wieder gänzlich das Vertrauen zu seiner Frau wiedergefunden hat.

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Der Lichtblick und Sonnenschein in der Familie ist neben Joe Maurice, der Großvater von Joe und verwitwete Vater von Alison und Eddie. Sein Tagwerk besteht aus Joggen (tolle Landschaftsaufnahmen), Gesangsunterricht (not kidding) und vor allem sich in das Leben seiner Kinder einzumischen und gute Ratschläge zu geben, aber auch mal etwas auf eigene Faust zu unternehmen.

Schlussendlich hat die Serie noch einen weiteren Handlungsinhalt, wenn man so will und zwar die Musik. Joe hört und lebt Musik den ganzen Tag. Es ist seine Art sich vor der Außenwelt zu schützen und somit mit niemanden kommunizieren zu müssen. Für uns Zuschauer ist die Musik, die wir eigentlich ständig hören, die Verbindung zu Joes Welt. Und Joe hat einen guten Musikgeschmack.

Meinung

Was für ein hartes Thema, wenn man mal ehrlich ist. Viele meiner Freunde und Bekannte sind schon länger Eltern und natürlich war einer der ersten Sätze, nach dem man nach dem Geschlecht des Kindes gefragt hatte, der Ausdruck der Hoffnung dass man ein gesundes Kind zur Welt bringen wird. Natürlich ist die Welt nicht zu Ende, wenn man wie hier einen Sohn seine Liebe schenken kann, der autistische Züge in sich trägt. Aber leichter wird es dadurch natürlich auch nicht.

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Und genau das schafft die Serie in den ersten beiden Folgen gut zu verkaufen. Die Liebe innerhalb der Familie ist spürbar, erst recht in den Szenen, in denen man mitbekommt wie sehr es Eltern mitnehmen muss, wenn sie realisieren, dass ihr Kind eben nicht „normal“ ist. Erst wird alles daran gesetzt, dieses Thema nicht anzusprechen und zu leugnen, dann versucht man alles, das Kind vor dieser „feindlichen“ Welt zu schützen. Die Hughes nehmen Joe hierzu aus seiner Grundschulklasse raus, was natürlich nur ein paar Tage funktioniert, da alle ihren eigenen Job haben. Aber man merkt dadurch auch sehr schön, dass das Grundgebilde, die Familie, hier noch intakt ist auch wenn man die Risse am Horizont erkennen kann. Aufgeben ist keine Option, die Familie lebt Hoffnung und ist Hoffnung zugleich.

Die beteiligten Schauspieler dürften alle bis auf Eccleston als etwas weirder Großvater Maurice wahrscheinlich nur britischen Seriennerds bekannt sein. Ich habe beispielsweise mehrere Minuten benötigt, zu realisieren, dass Lee Ingleby, der Vater von Joe, die Hauptrolle in „Our Zoo“ und Morven Christie, Joes Mutter, in „Twenty Twelve“ und „Lost in Austen“ mitgespielt haben. Aber sämtliche Charaktere werden von allen Beteiligten wunderbar verkörpert, es dauert nicht lange und man hat über Joe jedes Familienmitglied ins Herz aufgenommen. Auch Nicola, die einem schon etwas leidtun kann.

Die Szenen von Max Vento als Joe sind wirklich toll und eindringlich. Ich habe noch nirgends gelesen, ob Vento u.U. selber autistische Züge in sich trägt, sein Spiel ist atemberaubend, echt und sehr gefühlvoll, so wie die ersten 120 Minuten der Serie an sich auch. Man kann sich sehr schnell in die Geschichte, seine Storyline, seine Nebengeschichten und zu erwartenden aufkommenden Probleme verlieren, da alles sehr nah, eindringlich, emotional und authentisch erzählt wird.

Am Ende ist „The A Word“ mehr als nur eine Serie über einen kleinen Jungen, der autistische Züge in sich trägt. Es ist eine Serie über die Familie, das Leben und darüber wie kompliziert das alles eigentlich ist. Dennoch bleibt zu hoffen, dass sie in den restlichen vier Folgen die Nebengeschichten nicht allzu sehr aufbauschen und in den Mittelpunkt der Serie stellen auch wenn dies aktuell jeweils sehr gut in die Handlung passt und gut dosiert ist.

Aber ich hätte etwas Bauchschmerzen, wenn das Thema Autismus hier nur eine Randgeschichte spielen würde. Glaube aber, dass diese Sorgen unbegründet sind. „The A Word“ ist absolut sehenswert.

Eine echte Guck-Empfehlung meinerseits.

Bilder: BBC

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