Soundtrack der Woche #43

Musik in: Deutschland 83 (Reinhold Heil)

Mini-Spoiler
Michael
04.04.16

Deutschland83_score

Neue Folge unserer Serie „Soundtrack der Woche“: Hier stellen wir Euch regelmäßig Scores, Tracks und Musik-Alben zu unseren Lieblingsserien vor. Dabei gehen wir einerseits auf die Akteure hinter dem Soundtrack ein, aber natürlich auch ausführlich auf die Musik selbst – und ihre Wirkung auf die Serie. Folge 43: Musik in: Deutschland 83.

Die Serie – darum geht’s

Deutschland 83 war im vergangenen Jahr eine der Überraschungen auf dem Serienmarkt, bestückt mit zahlreichen wichtigen Auszeichnungen, unter anderem der Goldenen Kamera, dem deutschen Fernsehpreis, dem C21 International Drama Award und dem Grimme-Preis. Nominiert wurde sie außerdem für den Satellite Award. Die deutsche Produktion von UFA Fiction, unter anderem unter Beteiligung von RTL, fand international großen Anklang, wurde zum Beispiel von Sundance TV in den USA ausgestrahlt, noch bevor das Publikum in Deutschland die Serie zu sehen bekam. Das Besondere: Sundance strahlte die Serie in Deutsch aus, mit englischen Untertiteln – ein Novum in der amerikanischen TV-Landschaft. Anna Winger hatte die Serie zwar auf Englisch verfasst, gedreht wurde aber auf Deutsch. Warum, das hat sie Jewish News Online erklärt:

I like to watch things that are true to language. Personally, I find it really distracting when German actors speak to each other in English. My favourite shows feel located somewhere specific, and the more specific, the better. Language can be a big part of that.

Als Komponist für den Score wurde Reinhold Heil ins Auge gefasst – wohl auch wegen seiner Berliner Vergangenheit, wie er selbst bestätigt:

Somebody over there thought that it was a good idea to ask me, since I had lived in Berlin during the time, produced one of the songs that is featured in episode one – ’99 Red Ballons‘ by Nena – and had quite some experience with film and television scoring.

Reinhold Heil war nicht sofort Feuer und Flamme für das Projekt, nachdem er aber die ersten Szenen gesehen hatte, war er schnell überzeugt. Vor allem auch, weil er sich selbst in der Serie wiedergefunden hat. Er macht es gegenüber dem Deutschlandfunk an einem Beispiel fest, als er in Ost-Berlin Noten gekauft hatte:

Ich bin damals an der Grenze mal festgehalten worden mit den Noten die ich mir gekauft hatte mit illegal getauschter Ost-Mark. Und ich sah mich selbst sozusagen als einen der Idioten, die da von den Vopos festgehalten wurden und dachte, ok, ich glaub, das ist mein Projekt.

Den gesamten Beitrag mit Reinhold Heils Zitaten gibt’s hier zu hören:

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Ihn freut es also vor allem, dass die deutsche Serie in den USA Fuß fassen konnte:

Das ist ein absoluter Durchbruch, dass eine dramatische Serie es überhaupt geschafft hat, auf den amerikanischen Markt zu kommen. Der war absolut abgeschottet.

Im Herbst vergangenen Jahres erfolgte dann die Ausstrahlung in Deutschland – und damit die Ernüchterung: Das deutsche Publikum nahm die Serie nicht an, sie wurde quotenmäßig zum Flop. Die Qualität der Serie ist sicher unbestritten, so dass man nur mutmaßen konnte, woran es lag, dass gerade in Deutschland die Vorzeigeserie keinen Erfolg hatte. Manche vermuteten die Serie bei RTL im falschen Umfeld, andere bemängelten den unsachgemäßen Umgang der Serie durch RTL mit faden Ankündigungen und unzweckmäßiger Werbung. Schade eigentlich, denn im Prinzip waren noch weitere Staffeln der Serie gedacht, ein Deutschland 86 wäre ebenso denkbar gewesen wie ein Deutschland 89. Verabschiedet hat man sich davon zwar noch nicht, der mäßige Erfolg in Deutschland macht es allerdings schwieriger, Fortsetzungen zu planen. Ein klares Statement der Produzenten oder von RTL fehlt bislang. Allerdings sollen bereits erste Drehbücher für Deutschland 86 in Auftrag gegeben worden sein.

In Deutschland 83 geht es um einen DDR-Grenzsoldaten, der zu Zeiten des kalte Krieges als Spion in die Bundeswehr eingeschleust wird. Ziel der Mission von Oberfeldwebel Martin Rauch (gespielt von Jonas Nay) ist es, die Stellung der amerikanischen Pershing-II-Raketen sowie weitere Pläne der NATO aufzudecken.

Vor allem für Jonas Nay war die Produktion Deutschland 83 eine große Herausforderung und Chance. Zur weiteren Besetzung gehören Maria Schrader, Alexander Beyer, Ulrich Noethen und Godehard Giese. Jonas Nay hat selbst eine Filmkomponisten-Ausbildung hinter sich. Für seine schauspielerischen Leistungen hat er bereits den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und jetzt für Deutschland 83 eben die Goldene Kamera gewonnen. Man kennt ihn aus verschiedenen Tatort-Produktionen, aber auch aus Fernsehfilmen wie Tannbach, Homevideo und Sechzehneichen. Hier spricht Jonas Nay im Interview mit Owen Jones über das Projekt – und intoniert den Titelsong am Klavier:

Der Komponist

Reinhold Heil heißt der Komponist des Scores von Deutschland 83. Wir haben ihn hier schonmal im Zusammenhang mit dem Score zu Helix vorgestellt. Der Name dürfte vielen bekannt vorkommen, spätestens wenn man erfährt, dass Reinhold Heil Bandmitglied der legendären Nina Hagen Band und der deutschen 80er-Band Spliff (im Prinzip die Nina Hagen Band, nur ohne Nina Hagen) war. Spliff haben deutschsprachige und englische Alben veröffentlicht, und prägnant an den Songs war eben vor allem der elektronsiche Sound von – Reinhold Heil. Ich habe Spliff irgendwie der Neuen Deutschen Welle zugeordnet, würde beim heutigen Hören aber denken, dass das eigentlich gar nicht so richig passt. Trotzdem surfte der Komponist in den 80ern und den späteren Jahren als Musiker und Produzent auf der Neuen Deutschen Welle – sieht man auch daran, wenn man liest, bei welchen Produktionen und Acts er so seine Finger im Spiel hatte: Annette Humpe, Ulla Meinecke, Rainbirds, Stephan Remmler, Stefan Waggershausen, Rio Reiser und Nena, deren erste drei Alben er produzierte, darunter wie gesagt eben auch 99 Luftballons, einen der größten deutschsprachigen Hits in den USA. Dorthin hat es ihn 1997 verschlagen, seit 2010 lebt er in Downtown Los Angeles und arbeitet dort in seinem eigenen Studio. Erstaunliche Entwicklung, dass ihn sein musikalischer Weg vom NDW-Sound zum Hollywood-Score geführt hat. Heil hat es gegenüber Cinelinx einmal so erklärt:

You learn from everyone you collaborate with. Hanging out with musicians that are better than you or filmmakers that have seen more than you is always good. It forces you to grow. People who have worked for me, everyone I observe, they make me grow. Everyone is bringing something to the table and you might think, “That’s cool, I want to try that in my workflow sometime.”

Reinhold_Heil

In L.A. arbeitet er oft mit Johnny Klimek zusammen – früher Bass-Spieler bei Nina Hagen und mittlerweile ebenfalls intensiv im Scoring-Business unterwegs. Mit Scores und Soundtracks hätte Reinhold Heil eigentlich nie viel zu tun gehabt, bis er Tom Tykwer getroffen hat, wie er gegenüber Examiner erklärt. Gemeinsam mit Johnny Klimek hat er praktisch alle Tom Tykwer-Filme vertont, erster erfolgreicher Score dieser Dreiecksverbindung war Lola rennt. Zuletzt haben sich die Drei für Cloud Atlas zusammengefunden.

Aus Reinhold Heils Feder stammen Scores und Soundtracks zu Fernsehserien wie Deadwood, Awake, Legends und eben Helix. Die größte Herausforderung beim Schreiben des Scores war für Reinhold Heil, einen Kompromiss zwischen seinen Ideen für eine Szene und den Vorstellungen der Showrunner zu finden. Manchmal habe Heil ein favorisiertes Stück für eine Szene im Kopf, die Showrunner aber eine ganz andere Vision. Am Ende des Tages sei er dazu da, die Vision der Showrunner voran zu treiben, was auch schonmal bedeute, seine eigenen Favoriten sterben zu sehen, wie er gegenüber Tech Times verriet:

Occasionally, I might have a favorite piece of music but the showrunner has a different vision for the scene. It would be a mistake if I keep trying to convince him to take my piece just because I love it. That’s just wasting his time. Sometimes you have to kill your darlings. And at the end of the day, I know I am here to help the showrunner realize his vision. That’s sometimes challenging

Bei seiner Arbeit ist der Komponist übrigens nicht auf ein Genre festgelegt: Das Fach ist ihm egal, solange er etwas wirklich Cooles machen kann. Und das war zum Beispiel bei Deutschland 83 der Fall. Für seinen Score ist Reinhold Heil zusammen mit dem Team um Deutschland 83 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden – eine Ehre, die nur ganz wenigen Komponisten bislang zu Teil wurde:

Ich bin außer mir vor Freude, den prestigeträchtigen Grimme Preis zu erhalten. Es gibt nur einen Weg, von der Grimme-Jury anerkannt zu werden: Man muss Teil eines außergewöhnlichen Projektes sein. Deutschland 83 ist eine solch seltene Gelegenheit, bei der eine Gruppe Deutscher Filmschaffender zeigen durfte, dass wir sehr wohl in der Lage sind, dramatisches Fernsehen auf höchstem internationalen Niveau zu produzieren.

ANNA-AND-JORG-WINGER

Anna und Jörg Winger.

Spannend ist zu hören, wie Reinhold Heil über seine Arbeit an Deutschland 83 spricht:

Es gab es ein kleines Hindernis: ich arbeitete in meinem Studio in Los Angeles und der Rest des Teams war in Berlin. Zum Glück kamen Jörg und Anna Winger schon in der Frühphase nach LA. Wir lernten uns kennen und schätzen und schufen die Grundlage für unsere weiteren Gespräche via Skype. Die zuständige RTL Redakteurin Ulrike Leibfried ist eine großartige Filmemacherin und war mit von der Partie, wenn wir über die Musik redeten. Sie hat ein außergewöhnliches Erinnerungsvermögen für Musik und war mir eine große Hilfe. Später war ich in der Lage, nach Berlin zu reisen und endlich auch Regisseur Edward Berger zu treffen, der die ersten fünf Folgen leitete und den Stil der Serie definierte. Ich bekam immer perfekte Videos von Sven Budelmann und seiner Assistentin Silke Zirnité (was hier in Hollywood durchaus nicht selbstversatänlich ist). Nach ein paar Wochen des Experimentierens war der Musikstil für die Serie gefunden. Von da an war es ein reines Vergnügen, die restlichen Folgen fertigzustellen, trotz des Zeitdrucks, der durch die frühe Ausstrahlung in den USA auf Sundance TV entstanden war. Am Ende war die Arbeit an Deutschland 83 eine der erfreulichsten Erfahrungen meiner Karriere.

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