Elektrische Spannung

Review: Twin Peaks S03E07

26.06.17 17:55
ReviewTwin Peaks
SPOILER !!
Michael
26.06.17

Teil 7 von „Twin Peaks“ führt uns vielfach zurück in die Stadt, die der Serie ihren Namen gegeben hat. Es sind kleine Episoden, skurrile Geschichten, wichtige Impulse für die weitere Geschichte – macht Spaß.

Da wäre das Gespräch zwischen Jerry und Benjamin Horne ganz zu Beginn, wenn Jerry seinen Bruder um Hilfe bittet, weil er so viel eingenommen hat, dass er nicht mehr weiß, wo er ist. Herrlich umgesetzt, in bester Twin Peaks-Manier. Das gilt auch für die Szenen im Sheriff Department: Hawk informiert Sheriff Truman über die Story von vor 25 Jahren. Er hat die entscheidenden Seiten aus Lauras Tagebuch gefunden, die 25 Jahre lang verschollen waren. Hier gibt’s die wichtigen Hinweise auf Agent Cooper, die Laura in einem Traum empfangen hatte und ins Tagebuch geschrieben hatte. Das ist ein Rückgriff auf den Twin Peaks-Film und für sich alleine schon genial. Und die Story treibt das Mysterium um Agent Cooper weiter an. Hawk kommt auf die Idee, was wäre, wenn der gute Agent Cooper in der Black Lodge verblieben wäre, derweil ein böser Doppelgänger die dunkle Hütte verlassen hat? Und nochmal das Sheriff-Büro: Genial umgesetzt ist die Rückkehr von Doc Hayward – er diskutiert via Skype mit Agent Truman über Coopers Gesundheitszustand vor 25 Jahren. Das altmodische, komplett mit Holz ausgestattete Sheriff-Büro wird plötzlich multimedial, als Truman einen Monitor aus seinem Schreibtisch herausfahren lässt.

Dann gibt’s später noch eine Szene mit Benjamin Horne und seiner Assistentin Beverly in Bens Büro. Sie gehen einem elektronischen Surren nach und versuchen minutenlang herauszufinden, woher das denn wohl kommen mag. Auch das ist wieder typisch Twin Peaks und gehört für mich zu den besten Momenten der Folge.

Das wird eigentlich nur getoppt durch die Gegenüberstellung von Diane und Cooper. Ok, da steht natürlich zunächst Gordon Coles (gespielt von David Lynch selbst) Überzeugungskunst, Diane zu der Gegenüberstellung zu bewegen. Und Diane, gespielt von Laura Dern, spielt dann zusammen mit Kyle MacLachlan als Cooper die Gegenüberstellung so genial – man leidet richtig mit Diane mit. Man spürt ihre Sorge, aber auch ihre Neugier, ihre Aufregung und am Ende ihre Angst, als sie entdeckt, dass es sich um den falschen Cooper handelt. Kleine Großartigkeit am Rande: Cole verrät seiner Mitarbeiterin Tammy auf einzigartige Weise, warum das der falsche Coop ist: Er zitiert Coopers Satz aus dem Verhör und tippt dabei auf Tammys Finger. Beim Ringfinger spricht er das ‚very‘ rückwärts aus, wie es nur in der Black Lodge gesprochen wird – und tippt auf Tammys Ringfinger. “You think about THAT, Tammy!” rugt er Tammy zu.

Ja, da ist noch so viel mehr in der Folge. Die Ermittlungen des Verteidigungsministeriums hinsichtlich der Leiche in South Dakota. Von den Fingerabdrücken her ist es der längst verstorbene Major Briggs, der Körper ist aber Mitte 40. Dann das schmuddelige Wesen, das über den Flur schleicht, mit dem für Lynch so typischen Geräusch der elektrischen Spannung. Oder die Aktion von Dougie Jones (dem guten Cooper), der sich in Gefahr blitzschnell an seine FBI-Ausbildung erinnert. Oder die wunderbaren drei Minuten im Roadhouse in Twin Peaks, in denen wir einfach nur zuschauen, wie jemand den Boden fegt – sonst nichts. Bislang gab es zum Abspann ja immer eine Band auf der Bühne des Roadhouse, dieses Mal läuft der Abspann allerdings über eine Szene im Double R. Wirkt für mich wie eine kleine Zäsur – mal sehen, was sich in Folge 8 tut.

Ansonsten: Es ist einfach herrlich, zurück in Twin Peaks zu sein. Die vielen kleinen Stories, die an früher erinnern, aber auch die vielen neuen Aspekte sorgen für ein echtes Wohlgefühl. Zu einer echten Begeisterung tragen dazu die vollkommen unkonventionellen Momente bei, die Lynch ohne zu zögern einbaut. Das haben die ersten Folgen im Besonderen gezeigt, ist aber auch nach den ersten 7 Folgen weiterhin absolut spürbar. Ergibt alles einen Sinn? Man weiß es (noch) nicht, ist aber auch nicht schlimm, denn wie sagt Lynch selbst: „Es muss nicht immer alles einen Sinn ergeben.“

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