Düstere Tanz-Mini-Serie von Breaking Bad-Produzentin

Serientipp: Flesh and Bone

Mini-Spoiler
Kira
05.08.16

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Auf der Suche nach einer „neuen“ Serie stieß ich im Amazone Prime Angebot vor ein paar Wochen auf Flesh and Bone. Ich wusste nicht viel darüber, nur, dass es eine Tanzserie ist. Und auch wenn ich durch die zahlreichen Tanzfilme, die ich im Laufe meines Lebens schon gesehen habe (glaubt mir, es waren viele!), ziemlich skeptisch geworden bin, was hier Handlung, Dialoge und schauspielerisches Talent angeht, habe ich es gewagt, mich auf die Serie einzulassen. Und sie war irgendwie nicht das, was ich erwartet habe.

Serien-Steckbrief

Name: Flesh and Bone
Genre: Drama
Laufzeit: 58 Minuten
Staffel (Folgen): 1 (8)
Ausstrahlung: 8. November 2015 (Starz)
Darsteller: Sarah Hay, Ben Daniels, Sascha Radetsky
Soundtrack: Dave Porter | Adam Crystal

Handung

Claire flieht aus ihrem Elternhaus und aus ihrer Heimatstadt Pittsburgh, um sich bei einer Aufnahmeprüfung einer angesehenen Ballettschule in New York zu behaupten. Durch ihr überwältigendes Talent erhält sie einen der wenigen Plätze unter Company Director Paul Grayson und begreift schnell, dass sie der Macht und Unterwerfung, vor denen sie eben noch floh, direkt wieder in die Arme läuft.

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Wie selbstzerstörerisch ist sie, dass sie sich den sadistischen Trainingseinheiten von Paul freiwillig aussetzt? Wieso sagt sie ihrer engsten Bezugsperson, ihrem Bruder Bryan nicht, wo sie ist? Wieso braucht sie zur Beruhigung seine Stimme am Telefon – und das mehr als alles andere? Und was bewegt sie dazu, sich immer wieder den gierigen Blicken schmuddeliger Männer auszusetzen?

„You’re mine.“ – Paul Grayson

Flesh and Bone nimmt uns mit auf eine düstere Reise einer jungen Frau, die versucht, ihren Platz in ihrer Familie, auf der Bühne, in der Welt zu finden, und die trotz Missbrauch auf mehreren Ebenen die Kraft hat, ihren Traum zu tanzen zu erfüllen.

Figuren und Darsteller

Die Figuren in Flesh and Bone üben einen Sport aus, der das Streben nach Perfektion ganz besonders mit sich bringt. Doch kommt diese mit der Verdorbenheit ihrer Geister daher?

Die professionelle Balletttänzerin Sarah Hay verkörpert die verletzliche und auf den ersten Blick sehr unschuldig, nahezu rehhaft wirkende Protagonistin Claire Robbins, die so manches düstere Erlebnis aus ihrer Vergangenheit versucht zu verdrängen und nur unter der Last dutzender Bücher Schlaf finden kann. In ihrer Trainingseinheit sticht sie heraus, denn sie hat nicht nur ein wunderbares Talent, sie ist auch eine der wenigen, die neben einer schlanken, aber nicht abgemagerten Figur, Brüste hat. Warum das hier jetzt wichtig ist? In einem Interview zur Serie erzählte Sarah Hay von ihren realen Erfahrungen in der harten Welt des klassischen Balletttanzes, welchen irrealen Vorstellungen sie sich schon ausgesetzt sah und wie sie sich freut, den Standard der abgemagerten Ballerina ein wenig (minimal!) aufbrechen zu können.

„If you have boobs, you’re fat.“ – Sarah Hay

FleshandBone_Claire

Fünf Jahre lang hat Hay an der Dresdener Semperoper als Solistin getanzt. Mehr als tausend Tänzerinnen wurden für Flesh and Bone gecastet, doch sie war es, die die Hauptrolle erhielt – obwohl sie kaum mehr schauspielerische Erfahrungen hat, als sie durch eine winzig kleine Rolle als Background Tänzerin in Black Swan sammeln konnte. Für Flesh and Bone wurde über vier Monate lang gedreht. Zwei Minuten Tanz auf dem Bildschirm erforderten oft mehr als acht Stunden Wiederholungen.

Josh Helman spielt Claires Bruder Bryan, der nach seiner Dienstzeit als Marine in Afghanistan an posttraumatischer Belastungsstörung leidet. Er braucht die Nähe zu seiner Schwester. Er wirkt nahezu süchtig nach ihr, als könne er ohne sie nicht atmen. Aber glaubt mir, das ist kein „ohh wie schön, diese Geschwisterliebe“-Ding. Aktuell ist Helman in der zweiten Staffel Wayward Pines zu sehen. Einen netten Eindruck haben wir von ihm zuvor auch schon als War Boy Slit in Mad Max: Fury Road erhalten.

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Eine weitere wichtige Figur dieser Serie ist der machtbesessene Paul Grayson (The Exorcist), Chef der American Ballet Company. Darsteller Ben Daniels beschreibt seine Serienfigur als „such a fuck up“ – und das ist noch nett ausgedrückt. Paul treibt seine Schüler über ihr Äußerstes hinaus, steigert ihr Konkurrenzdenken, hat seine Launen und seine Gewalt nicht unter Kontrolle und missachtet darüber hinaus jegliche existenten zwischenmenschlichen Regeln. Er ist die Versinnbildlichung männlicher Macht, die Dominanz in Person. An Empathie fehlt es ihm vollkommen. Statt seine Schüler in die Ferien zu entlassen, drängt er sie in einen niemals endenden Sog aus Wiederholungen.

Stop. Again. Stop. Again. Again. Again. Again. Again. Again. Stop. – Paul Grayson

Und dann hätten wir noch Romeo, den wahren Helden der ganzen Geschichte, wunderbar gespielt von Damon Herriman (Justified, Battle Creek). Er ist ein Obdachloser, der unter/über dem Gebäude von Claires Wohnung lebt. Er sieht sich als ihr Beschützer, sieht sie als eine Art eingetretene Prophezeiung, spricht in Rätseln, doch erweckt zugleich den Anschein, als sei er der ehrlichste Charakter der ganzen Serie.

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Pure Art

Flesh and Bone vereinte größte Künste. Das zeigt sich nicht nur an den minutenlangen, präzisen Tanzszenen und den oft ungewöhnlichen, aber sehr interessanten Kameraeinstellungen. Schon das Intro macht das deutlich.

„You’re my obsession.“ Die Obsession eines Balletttänzers zu tanzen. Die Besessenheit eines Mannes von seiner Schwester. Die Sucht eines Lehrers nach mehr und mehr Macht. All das finden wir in Flesh and Bone. Stilistisch und thematisch erinnert die Serie in vielen Momenten an den Psycho-Thriller Black Swan. Vor allem in den vielen WTF??-Momenten, plötzlich fließendem Blut und abgetrennten Zehennägeln sieht man Parallelen zu dem Spielfilm mit Natalie Portman in der Hauptrolle. Vor expliziten Bildern wird kein Halt gemacht. Sex, Gewalt, Erniedrigung – wer das nicht sehen kann, der sei gewarnt.

Was für einen Kampf die Figuren der Serie durchlaufen, wird dem Zuschauer gleich nach dem Intro angedeutet: Alle Episoden eröffnen mit einer Erklärung des jeweiligen Episodentitels, alle Titel sind Ausdrücke militärischen Kontextes.

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Ballett ist Krieg? Der Tänzer ist Soldat? Interessanter und nicht wirklich weit hergeholter Vergleich. Diese Tänzer jedenfalls wissen über das Ballettbusiness Bescheid. Alle 22 Darsteller des Tanz-Ensembles sind professionelle Tänzer. Und das merkt man auch. Die Authentizität der Tanzszenen ist überwältigend. Und die Kamera folgt den Figuren schonungslos mit jeder Bewegung. Zeigt den emotionalen Terror, dem sie ausgesetzt sind und ihre körperliche Anstrengung, die für Millisekunden zwischen Grazie und Haltung hervorblitzt. Das Grau der Bilder verstärkt die trübe Stimmung dabei noch. Sonne bekommen wir gar nicht erst zu sehen. Die meisten Szenen spielen eh in dunklen Innenräumen oder am Abend.

Doch abschließend möchte ich noch auf einen der wohl wichtigsten Faktoren der Serie eingehen: die Musik. Was ist Tanz ohne sie? Der Komponist Dave Porter (Breaking Bad, Better Call Saul, Preacher) hat einen tollen Soundtrack zur Serie geschaffen. Er ist dunkel, aufreibend, strapaziös, melancholisch, bewegend. Und dann gibt es da noch die 13 Minuten des originalen, nur für diese Serie entwickelten Balletts „Dakini“, das auf Adam Crystals eigens für diese Serie komponierten Scores choreographiert wurde. Und beide sind einfach nur wow.

Moira Walley-Beckett, Produzentin und Teil des Autorenteams von Breaking Bad, ist Creator von Flesh and Bone. Doch leider kann auch sie hier nicht ändern, dass es den vielen angerissenen, aber nicht weiter ausgestalteten Erzählsträngen an Inhalt fehlt. Das Vorurteil einer mäßigen, wenig komplexen Story hat sich in diesem Fall also bestätigt. Aber zumindest nicht nach 0-8-15 Tanzfilm-Klischee. Immerhin wurde die Serie diverse Male nominiert, u.a. für einen Golden Globe als beste Mini-Serie mit bester Hauptdarstellerin. Und in eben diesen Kategorien gewann die Serie den Satellite Award.

Würde ich nur den künstlerischen Aspekt dieser Serie bewerten, den Tanz, die Filmkunst, die Musik, die Darsteller, fiele das Ergebnis ziemlich gut aus. Doch leider fehlt mir die Kunst hier in der Ausgangslage: dem Drehbuch, der Charaktertiefe und -entwicklung der durchweg kaputten Charaktere, dem Storytelling.

Denn seien wir mal ehrlich. Was nützt einer Serie die große Kunst, wenn nicht sie selbst das größte Kunstwerk ist?

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Ein Kommentar

  • Aus „Langeweile“ bin auch ich auf die Serie gestoßen und an Mangel an Serien die eigentlich in meine Richtung gehen, dachte ich, ich schau sie mir mal an.
    Und ich muss sagen erstaunlich fesselnd, recht gut gemachte Charaktere & Entwicklung derer.
    Hätte nicht erwartet, das eine Balettserie so gut sein kann.
    Kurzweilig ganz nett, ein zweites Mal würde ich sie mir nicht ansehen, aber für ein schnellen Bingewatchmarathon (die Serie ist recht kurz) ist sie ganz nett.



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