Comedy-Serientipp

Titus – der etwas andere Erziehungsratgeber

Spoilerfrei
Susanne
14.06.17

Test für frischgebackene Eltern: Was würden Sie tun, wenn Ihr Krabbelkind das erste Mal die Steckdosen in der Wand entdeckt? Aufspringen und rufen: „Henning-Sergio, nicht anfassen, das gibt böses Aua!“? Und wenn Filius Ihren Vesuch müde belächelt, hechten Sie hin und evakuieren ihn aus dem Gefahrenbereich? Falsch! Ganz falsch! Schauen wir, was ein erfahrener Vater tun würde:

Mum (to Christopher): Don’t do that, sweetheart. It’s dangerous!
Dad (to Mum): No, no! Wait, wait, wait!
Dad (to Christopher): Well… Go on…
Chrissy puts the neadle in the socket. Britz – electric shock.
Dad: Ja, bet you aren’t doing that again, now are’ya?

In Ordnung, wir versuchen es nochmal: Ihr Kind klagt über Zahnschmerzen. Sie gehen mit Saskia-Jewel sofort zum Zahnarzt oder sogar in die Kindernotaufnahme im Krankenhaus Ihrer Wahl. Sie Anfänger!

„When I got sick around him as a kid growing up, he’d always warm me up a shot of 100 proof whiskey. Never got sick… that I can remember.“ (Christopher)

Eine letzte Chance: Ronja-Claudine ist flügge und will den Alltag von nun an alleine gestalten. Und Sie laden natürlich Madame jeden Sonntag zum Essen ein und während diese das Gebratene und Gesottene genießt, sortieren Sie ihre Wäsche. So wird das nie was.

Christopher (wailing while banging on the door): Daddy! My key doesn’t work in the door any more! I have laundry!
Ken: [opens door] Laundry? [squirts dish soap over Titus‘ shirt] Here’s some soap. Find a rock and a river.

Das ist ja Unsinn, so geht doch keiner mit seinem eigen Fleisch und Blut um, sagen Sie jetzt vielleicht. In der Serie „Titus“ (drei Staffeln/2000-2002) verarbeitet der amerikanische Comedian Christopher Titus seine Familiengeschichte, die wahrlich alles andere als normal ist. Von der schizophrenen Mutter bis hin zum hoffnungsvernichtenden Vater. Und zwar scheinbar so detailgetreu, dass die Familie gerichtlich vorgehen wollte, um die Serie zu beenden.

Verstörte Charaktere

Alkohol- und Drogenkonsum, Mord, Suizid, häusliche Gewalt und innerfamiliärer verbaler Missbrauch sind eine überraschende Grundlage für eine Sitcom. Und das ist gewollt. Dem gegenüber stehen nicht nur die Aufarbeitung der Wut, sondern tatsächlich auch die große Liebe und facettenreiche Charaktere. Und viel viel schwarzer Humor.

Die Figuren sind keine einfachen Stereotypen. Christophers Vater Kenneth Titus, überzeugend gespielt von Stacey Keach, ist nicht einfach nur ein drakonischer Patriarch, der dem Alkohol verschrieben und unwiderstehlich für das andere Geschlecht ist. Er ist ein solider, willensstarker Mann, der tut, was nötig ist, und fest davon ausgeht, dass seine Härte gebraucht wird, um seine Söhne überlebensfähig zu machen. Er ist mehrfach geschieden und hat mindestens vier Kinder von verschiedenen Frauen.

„My father never missed a drink in his life. Or a joint. Or a party. Or a chance to get laid. He also never missed a day of work, or a house payment, or a car payment. I never went hungry, although he did a couple of times so I wouldn’t.“ (Titus)

Kenneth ist, neben Christophers Lebensgefährtin Erin, eine zentrale Figur der Serie. Ein Dreh- und Angelpunkt von Titus und seinem Bruder Dave. Er hat die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der beiden fest im Griff. Er läßt im Haus keinerlei Hoffnung zu und vernichtet sie auch schon im Keim.

Christopher (age 5): Dad, teacher said we can be anything we wanted to be.
Ken: She wasn’t talking to you son. Now, go in the backyard and practice digging some holes.

Nur Erin hat einen besonderen Platz in Kens Herzen. Und sie ist ein echter Lichtblick in Christophers Leben. Seine große Liebe, die er schon zu Highschoolzeiten angehimmelt hat. Die echte Erin hat sich nach 15 Jahren Ehe von ihm scheiden lassen. Die Serie bot keinen Scheidungsgrund, denn sie kommt in der Serie auf jeden Fall am besten weg. Zwischen der Serien-Erin, gespielt von Cynthia Watros, und Titus gibt es eine bestechende Chemie und man nimmt den beiden auf Anhieb das Liebespaar ab. Auch wenn die beiden Erwachsenen in immer wiederkehrenden Flashbacks ihre jugendlichen Alter Egos spielen. Titus überzeugt als autoverrückter, dem Peer-Preasure unterliegendem Vollhonk, der jedes Fettnäpfchen und jede Stolperfalle mitnimmt. Erst als Erwachsener hat er genug Selbstbewußtsein, um Erin näher kennenzulernen. Die Fettnäpfchen trifft er immer noch zielsicher, aber sie hat seine Tolpatschigkeit schnell durchschaut.

Leider kommen die beiden in der Serie nicht unter die Haube. Unter anderem, weil Christophers manisch-depressive und schizophrene Mutter Juanita, ihren Mann bei einem der Versuche erschießt. Ihr Ex-Mann Ken ist erstaunt, dass es nicht ihn erwischt hat. Mit ihrer Krankheit wird in der Serie mit schonungslosem Humor und ohne Schönrednerei umgegangen. Und dass diese Rolle in den drei Staffeln immer mit anderen Schauspielerinnen besetzt ist, passt irgendwie zu ihrer geistigen Gesundheit.

„There’s one in every family. When the police calls in the middle of the night and says We’ve got a family members of yours under arrest and you know directly who it is. In my family we have seven of those… And they are all my Mom!“

Emotionale Welten

Wir erhalten aber auch Einblicke in das Seelenleben von Christopher, denn immer wieder nimmt er uns mit in seinen „Neutral Space“. Ein schwarz-weißer Raum mit dem Grundgerüst eines elektrischen Stuhls. Das ist der Ort, an dem er uns seine tiefsten Geheimnisse verrät und sich selbst reflektiert.

An dieser Stelle halten wir einmal fest, dass dysfunktionale Eltern nicht unbedingt Psychopathen hervorbringen. Was für eine Erleichterung für uns junge Eltern. Titus ist zwar ein Chaot und kämpft mit einer nachhaltigen Wut, aber ist zu tiefen Gefühlen fähig. Für seine Freundin, seinen Bruder und seinen besten Freund. Er hat es sogar seinem Umfeld zum Trotz geschafft, dem Alkohol komplett zu entsagen. Sein Sponsor war ein lebensbedrohlicher Sturz in ein Lagerfeuer.

Überhaupt lernen wir in fast jeder der zwanzig Minuten langen Folgen etwas: Lege kein Feuer im Büro und Freundinnen aus Stroh brennen leicht. Und nicht nur über das vernichtende Element, sondern auch, dass es ungünstig ist, seinen Suizid auf dem Postweg anzukündigen. Und vor allem, wenn man im Raum mit einer Schwangeren ist, dann muss das Wasser auf dem Boden nicht unbedingt ein kaputtes Goldfischglas sein.

Dave (Zack Ward) und Tommy (David Shatraw) sind die Sidekicks von Christopher, die ihm sein Leben nicht nur erleichtern. Sein Bruder Dave hat eine besondere und etwas infantile Sicht auf die Welt und ist sehr von Christopher abhängig.

Titus: Dave’s my brother. I love him with all my heart. No matter how many times I’m charged as an accessory.
Titus: Dave has his moments. In fact, if you let Dave hit on a typewriter for, like a thousand years, he would eventually type the word monkey. In fact, he would only type the word monkey. That’s his favourite word.

Und Tommy, sein bester Freund und Quoten-Normalo, wird von einem homosexuellen Vater großgezogen, der sich erst in Tommys Erwachsenenleben outet und dessen Mutter verläßt. Somit ist auch er nicht einfach nur ein Kontrast zu der verhaltensauffälligen Familie Titus.

Alternative Lebensweisheiten

Jedes interessierte Elternteil lernt in dieser Serie farbenfrohe Kraftausdrücke und Grimassen, mit denen sie später gut non-verbal den Inhalt von Hieronymus-Quentins Windel beschreiben können. Sollten Sie sich jetzt gegen eine antiautoritäre Erziehung und für den Ken Titus-Weg entscheiden, dann gebe ich Ihnen einen letzten Tipp mit, aber vorsicht, Ihr Kind könnte annehmen, dass Sie bald sterben müssen:

„Dad has found a new way to screw with me. He told me he was „proud“ of me.“ (Titus)

Den realen Ken Titus können wir nicht mehr fragen, er ist leider während der Dreharbeiten gestorben. Aber ich denke, er wäre stolz auf Sie.

Jeder Serienfan hat diese eine Serie (mindestens), die er gucken kann und am Ende direkt mit S01E01 wieder anfangen möchte. Bei mir ist das Titus. Sei es die überspitzte, gleichzeitig realistische Art, mit schwerwiegenden Themen umzugehen, seien es die herrlich doofen Sprüche, die unerwarteten Wendungen oder auch die engen Beziehungen der Charaktere. Die Mischung stimmt einfach. Und auch wenn ich meinen Kindern das Schwimmen nicht beibringen werde, indem ich sie einfach in den nächsten Teich werfe, so gibt es doch einige Dinge in der Serie, die mich nachdenken lassen.

Am Ende schreibt das Leben mal wieder die spannendsten Geschichten.

Titus anschauen

Leider ist die Serie auf keiner der gängigen Plattformen zu streamen, aber in der abschließenden Playlist könnt ihr die ersten Episoden der Serie via YouTube sehen.

2 Kommentare

  • YES!!! Es gibt also doch noch jemanden hier, der die Serie kennt! Eigentlich verdient „Titus“ den Status von „Seinfeld“ und Co, aber ich schätze, dazu ist das Ding zu…sagen wir „düster“. Aber es ist eine wirklich aussergewöhnliche Sitcom, die typische Plots dieses Genres mit ultraschwarzem Humor vermischt, dabei aber den Betroffenheitsfaktor weglässt.

    So gibt es z.B. eine Folge, in der sich herausstellt, dass Titus Nichte von einem Familienfreund mehrfach als Kind vergewaltigt wurde. Das ist keine fröhliche Sitcomkost, aber wo andere Serien daraus eine „Very Special Episode“ machen würde, in der am Ende alle nachdenklich zum Boden schauen und die Nummer einer Selbsthilfehotline eingeblendet wird, darf das Opfer hier ihren Vergewaltiger unter den Augen ihrer Familie auf der Schultoilette mit dem Baseballschläger bearbeiten, während der Schuldirektor sich schön viel Zeit lässt, bevor er die Polizei ruft. (Angeblich wurde die Serie, trotz okayer Quoten und wohlwollender Kritiken, nach drei Staffeln abgesetzt, weil Werbekunden sie als „zu verstörend“ empfanden.)

    Größtenteils basiert die Serie übrigens auf Christopher Titus Stand-Up Programm „Norman Rockwell Is Bleeding“. Sehr viele Witze und sogar vereinzelte Dialogzeilen findet man dort wieder, aber es ist trotzdem (oder deshalb?) sehr empfehlenswert.

    Es wäre schön, „Titus“ mal wieder irgendwo zu sehen. Meines Wissens nach lief sie nur zwei mal, vor Ca. 10-12 Jahren, auf Vox. Erst im Abendprogramm (Wo sie schnell abgesetzt wurde), dann am Samstagmorgen.

  • Susanne

    Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Außer, dass ich es verständlich finde, dass die Serie im deutschen Fernsehen nicht gut ankam. Die Synchronisation ist eine Katastrophe!



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