Actionreicher Abschied

Review: Haus des Geldes – Teil 4 (Staffel 4)

SPOILER !!
Maik
11.06.20

Dass seit meinem Review zum Auftakt der neuen Staffel über zwei Monate vergangen sind, könnte daran liegen, dass ich mir wochenlang den Kopf über Serientitel („Haus des Geldes“, „Money Heist“ oder doch „LaCasa del Papel“?) und Ausstrahlungs-Rhythmik (vierte Staffel oder vierter Teil?) gemacht habe. Tut es aber nicht. Vielmehr ist es ein Indiz dafür, dass die in der ersten Folgen offenbarten kleineren Schwächen sich durchgezogen und mich die Staffel erst viel zu spät in ihren Bann hat ziehen können. Wobei, dann war sie eigentlich auch schon wieder vorbei…

Twist and shout

Mein größtes Problem in dieser Staffel war das, was sie größtenteils ausgezeichnet hatte: die Logik. Natürlich ist vor allem im Genre des Heist-Filmes geradezu natürliches Gebot, dass Entwicklungen gegen- und nacheinander abgeschossen werden, so dass eine Art Twist-Kette entsteht. Das kann mal durch eine non-lineare Erzählweise geschehen, mal einfach dadurch, dass Partei A auf eine gewisse Handlung von Partei B wartet, die „Plan XY“ in Gang setzt. Soweit verständlich und akzeptiert, hat ja auch in früheren Folgen ganz gut funktioniert. In diesem Teil von „Haus des Geldes“ hatte ich aber erstmals richtige Probleme mit dem Timing. Natürlich wird alles spätestens nach einigen Episoden der Verwunderung erklärt, alles ist auf dem Papier irgendwo plausibel nachvollziehbar, jedoch wirkt es nicht authentisch. In vorherigen Staffeln konnte man mit der Impulsivität oder anderen extremen Eigenschaften der Figuren oder gewissen „Zufällen“ noch notwendige Kaschier-Arbeiten leisten, doch dieses Mal sind die Löcher zu groß zum Kitten.

Ein Beispiel war der Richter und sein Justiz-Team, das angeblich von „zu vielen und detaillierten Informationen“ überrollt worden sein sollen. Ein derart wichtiger Bestandteil des (grundsätzlich durchaus gut ausgefeilten) Plans, der ohne die erfolgte nächtliche Unterbrechung nicht ansatzweise funktioniert hätte. Wäre hier nicht sinnvoller gewesen, stundenlang irgendwelche Spielchen zu spielen, um den Prozess in die Länge zu ziehen? Oder einfach allgemein auf die späte Nachtzeit hinzuweisen? Das fand ich unnötig. Dass der Professor scheinbar offenkundige Aspekte, wie das Nummernschild auf seinem Auto oder die Überwachungsanlage im Mietshaus-Areal des Polizisten nicht bedacht haben soll, wirkt unpassend für seine Figur, zumal der sonst ebenfalls umsichtig und abgeklärt agierende Marseille dabei war. Dass dann aber der alte 08/15-Sicherheitskamera-Trick mit der Endlosschleife rausgekramt wird und funktioniert… Naja.

„Wer ist dieser Copperfield?“ – „Na, ein Zauberer.“ – „Ich kenne nur Harry Potter…“ (Handlanger & Professor)

Alte Rezeptur + Action

Im dritten Teil war bereits abzusehen, dass sich diese Erzählung anders anfühlen dürfte. Das ist auch völlig in Ordnung, immerhin will niemand einen 1:1-Abklatsch zu sehen bekommen. Dass es insgesamt auch düsterer, härterer und actionreicher wird – geschenkt und absolute Geschmackssache. An manchen Stellen hat mich die auf obercool gemachte Inszenierung aber gestört. Vom spanischen, überschäumenden Temperament mal abgesehen, waren die Schusswechsel oftmals eine absolute Katastrophe und die Logik, ob und wer denn nun getroffen wird, war vom zielgeleiteten Zufall gesteuert. Da kommen Charaktere durch schier aussichtslose Situationen, um dann in anderen, harmlosen, ins offene Messer zu laufen. Die Figur des Sicherheits-Chef hat mich anfangs sehr gewurmt, ist ihre Funktion doch offenkundig als Aufwühler und dynamisches neues Element eingeführt worden. Doch auch er wankt zwischen Übergegner in Form einer Terminator-ähnlicher Kampfmaschine und übermotiviertem Hau-Drauf. Das wirkt wenig stringent und wie vieles in dieser Staffel zu zurecht gebogen. Insgesamt hat sich das Teils zu sehr nach eher plumpem Actionfilm angefühlt, da fehlte mir bisweilen die Balance.

„Du brauchst sehr viel mehr Mut für die Liebe, als für den Krieg.“ (Helsinki)

Dabei war eine der großen Stärken der Serie doch immer auch die Emotion. In einzelnen Momenten flammt das auch erneut auf. Vor allem natürlich beim Abschied von Nairobi. Eine meiner absoluten Lieblingsfiguren des Formates, das so viel Positives dargestellt hat. Doch ich weiß gar nicht, was mehr weh tag: Der Abschied von ihr oder die Art, wie sie diese Staffelhälfte dargestellt worden ist. Dabei muss man der Serie zumindest zugute halten, dass man nicht vor dem Ausradieren großer Figuren zurückschreckt, das dürfte der Dramatik in Zukunft gut tun, da man Grund hat, sich unsicher zu fühlen (auch wenn es sich aktuell noch nach Quoten-Opfern anfühlt).

Insgesamt hatte ich so meine Probleme in der Zeichnung der Beziehungen zwischen den Figuren. Das Liebes-Dilemma zwischen Denver und Monica kam aus Nichts und wirkt überzogen, die ganze Querstellerei Palermos wurde zwar grundsätzlich erklärt, wirkt aber unprofessionell und kindisch. Nur zwei Beispiele, die eher instabile Grundlagen für gewisse Sub-Plots dargestellt haben, die sich darauf entwickeln sollten.

Schön schlau

Aber nein, es war beileibe nicht alles schlecht, ich merke gerade, dass ich doch sehr negativ bin. Vor allem sahen einige Einstellungen aber mal richtig gut aus! Das war schon ein gewaltiger Sprung zu der ursprünglichen ersten Staffel. Ja, die sah auch soweit gut aus, jetzt wurde in der Cinematography an einigen Stellen aber gehörig aufgetrumpft, das hatte teils Hollywood-Niveau. Natürlich nicht durchgehend, aber man merkt, dass man sich auch in den normalen Szenen Gedanken macht, wie man mit Perspektivwechseln und visuellen Ideen für Abwechslung sorgen kann.

Gleiches trifft grundsätzlich auch auf Erzählweise zu, die größtenteils (wenn auch nicht bei jedem Experiment) gelungen ist. Insgesamt war mir das etwas viel Andeuten mit nachgeschobener „Vor X Stunden“-Aufdeckungen, aber grundsätzlich hat es funktioniert, so der Erzählung mehr Tiefe zu geben und erwähnte Twists auch für uns an allen Fronten teilhabenden Zuschauern zu errichten. Die Handlung selbst hatte ein paar nette neue Ideen parat, konnte jedoch nicht immer authentisch wirken. Viele Elemente haben nur funktioniert, weil gewisse Gruppen gerade „in Schach“ gehalten wurden (z.B. durch diese alles einnehmende „Waffenruhe“) und nichts getan haben. Dennoch konnte der Heist-Charme größtenteils trotz der größeren Skalierung auf vor allem viele Geschehnisse außerhalb des eigentlichen Überfall-Ortes und im Zuge des drastisch erweiterten Casts aufkommen. Dennoch waren mir diese Staffel viele Entwicklungen schlicht zu vorhersehbar beziehungsweise zu offensichtlich (dass das nicht Gandía auf dem Dach sein würde, wusste doch wirklich jeder sofort, oder nicht?!). Und wirkliche „WOW!“ oder „Aha!“-Effekte wollten sich zumindest bei mir nicht einstellen, auch wenn der Kopfschuss natürlich in gewisser Weise plötzlich kam (hatte ich eine derart plumpe Variante schlicht nicht für möglich gehalten…).

Erst wollte ich aufgrund der letzten beiden Episoden noch auf vier Kronen gehen, aber irgendwie hat sich das nicht richtig angefühlt. Insgesamt muss ich sagen, dass mich das nicht mehr so einfängt, wie bei der ersten Staffel (also den ersten beiden Teilen) und auch die erfreuliche Neu-Motivation aus dem dritten Teil (Staffelreview) konnte nicht aufrecht erhalten werden. Gerade Letzteres wundert mich, hängen die Teile doch zumindest handlungstechnisch zusammen und sollte von einer ähnlichen Qualität ausgehen. Neben dem eigentlichen Storytelling (das durchaus smarte und komplexe Erzähl-Mechaniken aufzuweisen hatte) wurden mir aber nahezu durchgehend einfach zu viele Fehler gemacht und vor allem gefühlt zu viel offenkundig konstruiert.

„Das ist nicht mehr das ‚Haus des Geldes‘, das ich lieben gelernt habe!“ mögen nun viele motzen. Das stimmt zu Teilen auch. Veränderungen und Weiterentwicklungen bieten neben Chancen, wie frischer Elemente und der Umsetzung neuer Ideen, eben auch Gefahren, wie den Verlust der Identität und die Beraubung eigener Stärken. Vor allem wenn letztere aus der größtenteils nachvollziehbaren komplexen Erzählung besteht. Das ist und war schon immer zentraler Punkt von Heist-Geschichten. Fängt dieses Fundament an zu bröckeln, kann man noch so viele schöne Aufnahmen und nette Gimmicks einbauen, denn dann schwindet die Authentizität. Das fängt beim Glauben der Geschehnisse und Charakter-Entwicklungen an und hört bei der schwindenden Immersion des Publikums auf. So droht die Serie ihre zusammenhaltende Essenz zu verlieren und zu einer austauschbaren Action-Show zu werden, die irgendwann bei RTL landet.

Noch immer ist „Haus des Geldes“ gefälliges Fernsehen eines aktuell nur von sich selbst besetzten Genres. Die Besonderheit ist noch immer da und vor allem die starken Charaktere. Doch auf Dauer muss Netflix aufpassen, dass einzelne Figuren und der ein oder andere Geniestreich nicht komplette Staffeln tragen müssen. Denn dieses Gerüst ist zum Einsturz verdammt, sollten weiterhin grundlegende Elemente aufgeweicht und an der Grundmixtur herumgeforscht werden.

„Haus des Geldes“ – Wann kommt Teil 5?

Dass es weiter gehen würde, ist natürlich klar. Nicht zuletzt aufgrund der noch immer guten Aufrufzahlen der Serie, vor allem aber natürlich, weil dieser Raub inhaltlich schlicht noch nicht abgeschlossen wurde. Den für April angedachten Start der Dreharbeiten mussten die Macher Coronavirus-bedingt leider vorerst aufschieben. Noch ist daher nicht klar, wann es weiter gehen wird. Ob der eigentlich übliche Fahrplan für die Serie gehalten werden kann (also ein Release im nächsten Frühsommer) darf zumindest angezweifelt werden. Ich gehe persönlich eher von frühestens Herbst 2021 aus. Vielleicht tut so eine kleine Gedenkpause für das Feinstraffen des Scriptes ja ganz gut. Denn ich bin noch immer interessiert, wie die Räubertruppe denn nun aus der Zentralbank Spaniens zu fliehen gedenkt, so häufig, wie das bereits angeteasert worden ist. Und irgendwo möchte man ja doch wissen, ob die lieb gewonnenen Figuren es schaffen (äh, natürlich werden sie das…). Bitte strengt euch an und merzt die Fehler aus, um zur alten Stärke zurück zu gelangen. Für Nairobi!

Bilder: Netflix

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