Doppelter Paul Rudd auf der Suche nach sich selbst

Review: Living With Yourself – Staffel 1 (Netflix-Serie)

Mini-Spoiler
Maik
21.10.19

Aufgrund von Katerstimmung, Krankheit und erhöhter Sympathien für Paul Rudd haben mein Lieblingsmädchen und ich am Wochenende direkt mal die am Freitag, den 16. Oktober, erschienene erste Staffel „Living With Yourself“ auf Netflix durchgeschaut. Letztlich sind das ja auch nur acht Episoden mit 21-36 Minuten Einzellaufzeit, was insgesamt bei irgendwas um die dreieinhalb Stunden landet – also auch nur ein langer „Herr der Ringe“- oder „Avengers“-Film. Im spoilerarmen Review möchte ich euch meine Meinung über das Netflix Original unterbreiten und euch sagen, ob sich ein Blick in die neue Serie lohnt. In Kurzform vorab: Ja.

Paul Rudd trifft Paul Rudd

Wer unseren Blog aufmerksam verfolgt hat, weiß bereits, worum es in „Living With Yourself“ geht (wir hatten ja Infos und Bilder sowie einen Trailer hier). Paul Rudd spielt Miles, einen etwas in Alltagsroutine-Lethargie verfallenen Mit-Vierziger, der eigentlich einen tollen Job, eine tolle Frau und ein tolles Haus hat, aber irgendwie nur noch gelangweilt und genervt ist. Midlife-Crisis. Doch statt sich einen Sportwagen oder so zu kaufen, legt er das Gesparte in den Besuch eines Spas an, das ihm ein Arbeitskollege empfohlen hatte. Das Resultat: Ein super aufgefrischtes und optimistischeres Ich! Nur doof, dass es das alte, Grumpy-Ich auch noch immer gibt. Und so haben wir auch schon den doppelten Paul Rudd bzw. Miles.

Hohes Erzähltempo

Die Serie kommt erstaunlich schnell zur Sache. Das ist an sich eine gute Sache, lässt es doch kaum Langeweile aufkommen, die Situation wird zügig erklärt und aufgezogen, es passiert eine Menge, so dass Zuschauer recht schnell wissen, ob die Serie etwas für sie ist, oder nicht. Ich empfehle, die ersten zwei Episoden zu schauen, dann solltet ihr wissen, ob es was für euch ist. Leider bleibt so auch ein bisschen Logik auf der Strecke. Dass Miles derart schnell dem Rat des eigentlich verhassten Kollegen folgt und mal eben 50.000 Dollar(!) dazu auszugeben bereit ist, wirkt unauthentisch bis naiv. Auch nicht ganz sicher bin ich mir, was ich von den verschachtelten Erzählweisen halten soll. Eigentlich finde ich die Mechanik ganz interessant, dass gleiche Zeitabläufe regelmäßig erst aus der Sicht des einen Miles und dann aus der Sicht des anderen Miles erzählt werden. Aber gerade in den ersten Folgen wirkt da vieles sehr gedoppelt, vor allem, wenn man alle Folgen zeitnah hintereinander schaut.

Später wird dann aber doch auch mal das Tempo herausgenommen. Rückblenden-Episoden füllen bisher angedeutete Plot-Lücken auf, schenken Charakteren eine Hintergrundgeschichte und wissen so allgemein das Pacing ein bisschen abwechslungsreicher zu gestalten. Das ist alles keine totale TV-Revolution, aber durchaus abwechslungsreich gestaltet.

Technisch gut gemacht

Die Szenen, in denen Paul Rudd doppelt zu sehen sind, sind schon ziemlich gut umgesetzt. Natürlich gibt es auch einige der über die Filmjahrzehnte erprobten Variante des geteilten Bildausschnittes, bei dem die Figuren nebeneinander stehen, aber nicht selten interagieren sie auch miteinander, laufen hintereinander her und machen andere Dinge, die technisch nicht mal eben so umzusetzen sind. Neben der Kamera-Arbeit liefert auch Paul Rudd gehörigen Anteil dazu, dass man die beiden Charaktere glaubhaft wahrnehmen kann. Zum einen stimmt das Timing der „Dialoge“ zumeist sehr gut, vor allem weiß er aber äußerlich zwei total unterschiedliche „Ichs“ zu präsentieren. Miles #1 ist der mit hängenden Schultern, schlaftrunkenen Tränensäcken, Schmuddelfrisur und etwa aufgedunsenen Wangen durchs Leben zu schleifen, während Miles #1 im schnieken Hemd bei gerader Haltung, hochfrisierten Haaren und allgemein schlanker und gepflegter wirkender Gesichtsformen zu stolzieren.

Allgemein ist der Cast sehr lobenswert, da sind einige aus dem Fernsehen bekannte Gesichter zu sehen. Aisling Bea („Hard Sun“) war mir zwar zuvor nicht bekannt, liefert aber eine astreie Performance ab. In den Nebenrollen kennen könnte man aber Alia Shawkat („Arrested Development“, „Search Party“), Desmin Borges („You’re the Worst“) oder auch Rob Yang („Succession“). Allgemein wirkt das alles recht stimmig zusammengesetzt.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Natürlich lebt „Living with Yourself“ von dem Doppelschauspiel Paul Rudds und auch den damit verbundenen Kuriositäten, die sich im Verlaufe der Handlung ergeben. Aber statt billiger Lacher und cooler Ausnutzung eines Doppellebens gibt es auch vieles zu sehen, das zum Nachdenken anregt. Ist das „optimale Ich“ überhaupt das beste Ich? Möchte ich dieses Ich sein? Wie kann ich mein jetziges Ich verbessern? Sollte ich nicht lieber das zu schätzen wissen, das ich habe, statt davon gelangweilt nach Unerreichbarem zu streben? Die Serie wirft vor allem zum Ende viele Fragen auf und schenkt uns philosophisch angehauchte Gedanken. So ganz zu einem finalen Schluss kommt man nicht und das tatsächliche Ende der Staffel kommt meiner Meinung nach auch viel zu abrupt, aber nach dem Ansehen der Staffel dürfte Jeder zumindest ein bisschen mehr über sein/ihr eigenes Leben nachdenken. Und das ist doch auch mal was!

„What would you do if you were you…?“ (Miles)

Ich muss schon sagen, dass „Living With Yourself“ nicht so ganz meinen Erwartungen entsprochen hat. Irgendwie dachte ich, es sei eine leichtere, lustigere Serie, die zwar Sci-Fi-Elemente beherbergt, sich aber eher um die skurrilen Momente des sich neu findenden Miteinanders dreht. Stattdessen gibt es zwar ein paar Momente des Schmunzelns, aber die Ausrichtung ist doch sehr ernst und bisweilen sogar nervenaufreibend gestaltet. Keine Angst, das könnt ihr problemos mit älteren Kindern oder zartbesaiteten Erwachsenen schauen, aber Gute-Laune-Fernsehen ist das keinesfalls. Vor allem Menschlichkeit, Herzenswärme und Familie sind prägende Werte.

Insgesamt hat mir die Serie durchaus gefallen. Dennoch bleibt der Gedanke hängen, dass es noch besser hätte sein können. Die ganz großen Dialoge blieben nicht hängen, der ganz große Witz blieb aus und vieles wurde eben vom Effekt der doppelten Paul Rudd-Darstellung getragen. Es hat schon seinen Grund, dass „Living with Yourself“ jetzt nicht DIE große Marketing-Kampagne im Vorfeld erfahren hat. Dennoch handelt es sich bei der Staffel definitiv um originelle und kurzweilige Serien-Unterhaltung. Und wenn man Paul Rudd mag, kommt man gar doppelt auf seine Kosten!

Alle acht Episoden der ersten Staffel „Living with Yourself“ sind seit Freitag, dem 16. Oktober 2019, auf Netflix verfügbar. Ich empfehle euch in dem Zuge auch (nach dem Anschauen der Einzelfolgen!) einen Blick in den Bereich „Trailer und mehr“. Dort findet ihr nämlich dieses kleine Featurette, in dem Paul Rudd über die Herausforderung des mit sich selbst spielens und eine aufwendige Szene vom Staffelende spricht. Sehr interessant!

Bilder: Netflix

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