Sherlock Holmes' Schwester

Review: Netflix‘ Enola Holmes

Mini-Spoiler
Michael
30.09.20

Sherlock Holmes hat eine Schwester? Nichts Ungewöhnliches, wie Fans der Serie „Sherlock“ wissen. In der letzten Folge „The Final Problem“ taucht bekanntlich Eurus auf, die Schwester von Sherlock und Mycroft Holmes. In den Original-Geschichten von Arthur Conan Doyle taucht sie nicht auf, ebenso wenig Enola Holmes, die aber als Hauptfigur in einem neuen Netflix-Film auftaucht – und genauso heißt, wie Sherlocks Schwester, eben „Enola Holmes“. Fortsetzung übrigens nicht ausgeschlossen, soviel kann man schon einmal verraten, denn der Film behandelt nur die Story des ersten von insgesamt sechs Romanen, die aus der Feder der amerikanischen Autorin Nancy Springer stammen und von 2006 bis 2010 entstanden sind. Nancy Springer nutzt dabei die Figuren und Schauplätze der klassischen Holmes-Romane und führt dabei nicht nur Enola als Figur ein, sondern vermittelt auch einige neue Perspektiven auf Sherlock Holmes. Das hat übrigens nicht unbedingt für Begeisterung bei der Conan Doyle Nachlassverwaltung gesorgt, die nach und nach die Rechte an den Holmes-Geschichten verliert. Das hat natürlich einfach mit der fortschreitenden Zeit zu tun, denn ab einem bestimmten Alter werden literarische Werke einfach Public Domain. Für bestimmte Romane jüngerer Zeit gilt das noch nicht, und da Sherlock Holmes in diesen Roman eher emotional dargestellt wird, richtete sich die Verwaltung mit einer Klage gegen die Filmproduktion. Begründung: Da im Film Sherlock Holmes eher emotional dargestellt werde, werde das Urheberrecht der jüngsten Romane verletzt. Alles klar?

Wie auch immer: Diese Aktion hat nicht dazu geführt, dass es erst gar nicht zur Produktion des Films kam. Stattdessen liegt uns der Film seit einigen Tagen auf Netflix vor, so dass man sich ihn einmal in Ruhe zu Gemüte führen kann. Der erste Trailer hinterließ ja einen ziemlich guten Eindruck. Im Mittelpunkt steht wie gesagt Enola Holmes (der Name klingt etwas merkwürdig, hängt aber damit zusammen, dass der Name rückwärts gelesen Alone ergibt, eines von vielen Wortspielen des Films), die an ihrem 16. Geburtstag von ihrer Mutter verlassen wird. Enola ist ein aufgewecktes Mädchen, das von ihrer Mutter Zuhause in allem Möglichen unterrichtet wurde. Ihre Brüder Sherlock und Mycroft haben das Haus längst verlassen, so dass die beiden für sich sind – eben bis zum 16. Geburtstag. Nach dem Verschwinden bittet Enola ihre Brüder, nach Hause zurückzukehren, um ihr bei der Suche zu helfen. Mycroft und Sherlock sind so ein bisschen wie „Böser Bruder“ und „Guter Bruder“ angelegt. An die Darstellung von Henry Cavill als Sherlock muss man sich – verständlich bei den zuletzt gesehenen Sherlock-Darstellern Benedict Cumberbatch und Robert Downey Jr. – erst gewöhnen, dann passt’s aber für meinen Geschmack ganz gut.

Enola wird von Millie Bobby Brown gespielt, die wir natürlich aus „Stranger Things“ kennen. Sie zeigt hier eine ganz andere Seite, ist fröhlich, fast überschwänglich, beinahe immer positiv gestimmt. Sie macht ihre Sache gut, zumal sich Regisseur Harry Bradbeer den Kniff hat einfallen lassen, dass Enola ihre Suche nicht aus dem Off kommentiert, sondern direkt in die Kamera spricht. Das vermindert natürlich die Distanz zum Zuschauer, ich habe mich aber an einigen Stellen gefragt, ob es das überhaupt gebraucht hätte. Manchmal finde ich es störend, an anderen Stellen hätte ich es erwartet – es kam dann aber nicht. Gut gefallen haben mir die Schnitte und Überblendungen zwischen der Jetzt-Story und der Kindheit von Enola – das ist an den richtigen Momenten platziert und wirkt auch überzeugend.

Inhaltlich fand ich gerade die Stellen zwischen Sherlock und Enola überzeugend. Dass Enola dem großen, berühmten Bruder dann und wann einen Schritt voraus ist, ist ganz amüsant, ebenso wie Sherlocks Reaktionen darauf. Solide werden auch die Ermittlungen von Sherlock und Enola gezeigt – da hat man sich allerdings auch ziemlich stark an den Stil von „Sherlock“ angelehnt. Macht ja nix, gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht, wie ich da immer zu sagen pflege. Ansonsten ist mir die Hauptstory an sich nicht stringent genug – die Suche nach Enolas Mutter hat für mich zu wenig Fortschritte und zu geringe Höhen und Tiefen. Auch die Auflösung wirkt dann eher gezwungen als klug inszeniert. Zwischendrin wird’s auch dramaturgisch etwas zäh, da hätte man die Story durchaus straffen können. Am Ende wird alles mehr wie eine Pilotfolge einer größeren Reihe – die Möglichkeit ist da, siehe oben.

Trotzdem kann man sich die zwei Stunden mit „Enola Holmes“ sicher gönnen. Es ist einfach solide produziert und ganz interessant, einmal eine andere Perspektive auf die Welt von Sherlock Holmes zu bekommen. Und was eine mögliche Fortsetzung angeht – sehr gerne.

PS: Mehr zu den Hintergründen des Films gibt es in diesem Making of.

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