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Warum die Karten so aussehen wie sie aussehen

TV-Thema der Woche: Farbgestaltung in Wetterkarten bei ARD, ZDF & Co.

27. Juni 2026, 11:55 Uhr

Hitzewelle in Deutschland – das heißt natürlich auch, dass Verschwörungstheorien wieder heiß laufen, konkret: Die Temperaturkarten bei ARD, ZDF & Co. sollen hohe Temperaturen absichtlich farbintensiver darstellen, um Panik zu erzeugen. Klingt schon ausreichend absurd, wird aber gerne noch mit falschen Kartengegenüberstellungen versucht zu belegen. Spätestens da ist natürlich mein Interesse als Geograph geweckt. Deswegen zum (vermutlich leider nur) bisher heißesten Wochenende aller Zeiten (und ich mag diesen Superlativ noch nicht einmal) eine einfache Darstellung für alle, die inhaltlich daran interessiert sind, zu verstehen, warum Wetterkarten – bzw. natürlich besser gesagt Temperaturkarten – in den Newssendungen von ARD & ZDF, aber auch bei vielen Wetterportalen und internationalen Sendern so aussehen, wie sie aussehen. Verschwörungstheoretiker & Co. bitte direkt hier klicken.

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Temperaturkarte in der Tagesschau der ARD um 20 Uhr am 26.06.2026 für den 27.06.2026. (Screenshot von tagesschau auf YouTube)

ARD-Tagesschau-Wetterkarte-2026-06-26

Wetterkarte in der Tagesschau der ARD um 20 Uhr am 26.06.2026 für den 27.06.2026. (Screenshot von tagesschau auf YouTube)

Kaum rollt eine Hitzewelle über Deutschland, tauchen sie wieder auf: Screenshots alter und neuer Wetterkarten, nebeneinandergestellt in sozialen Netzwerken. Die Botschaft lautet meist: Früher seien Temperaturen von 30 oder 35 Grad noch in Gelb oder Grün dargestellt worden, heute dagegen in tiefem Rot. Daraus wird der Vorwurf abgeleitet, öffentlich-rechtliche Sender würden ihre Wetterkarten gezielt dramatischer gestalten, um Angst vor dem Klimawandel zu erzeugen.

Die Behauptung ist nicht neu und erlebt seit rund 6-7 Jahren nahezu jeden Sommer ein Comeback, wie man zum Beispiel auf der Aufklärungsseite von Mimikama sehen kann. Der erste Irrtum beginnt bereits beim Vergleich der Bilder. Häufig werden unterschiedliche Kartentypen miteinander verglichen. Während klassische Wetterkarten vor allem Wetterlagen mit Symbolen für Sonne, Wolken oder Niederschlag zeigen, stellen Temperaturkarten die prognostizierten Temperaturen flächendeckend mithilfe einer Farbskala dar. Genau diese Einfärbung soll uns Zuschauer:innen ermöglichen, Temperaturunterschiede auch dort auf einen Blick zu erkennen, wo keine Zahlen eingeblendet sind.

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Facebook-Screenshot der Behauptung: 07.06.2022, Screenshot von AFP Faktencheck

Die Tagesschau erklärte diesen Zusammenhang bereits selbst, wie AFP aufzeigt: „Bei der oberen Karte in der Grafik handelt es sich um eine Temperaturvorhersage. Durch die Einfärbung kann man auch dort, wo keine Zahl steht, erahnen, wie hoch die Temperaturen etwa werden. Die Skala kann dabei von Dunkelrot für heiße Temperaturen bis kaltem Blau reichen.“ Damit beschreibt die Redaktion den Zweck der Farbelemente: Sie visualisieren Temperaturbereiche und sollen die Lesbarkeit erhöhen.

Warum die Farben heute kräftiger wirken

Tatsächlich unterscheiden sich moderne Wetterkarten optisch deutlich von jenen vor 20 oder 30 Jahren. Dafür gibt es jedoch nachvollziehbare technische Gründe, wie Barbara Jung, Pressesprecherin des Norddeutschen Rundfunks und damit des für die Tagesschau verantwortlichen Senders, gegenüber CORRECTIV schonmal erklärte: „Die Grafiksoftware, die Darstellung von Farben an Monitoren, die Auflösung von Monitoren – all das hat sich in den vergangenen 20 Jahren weiterentwickelt. Auch hat sich das darstellbare Farbspektrum vergrößert: Je größer das Farbspektrum, desto größer der Kontrast, desto besser lässt sich der Inhalt der Grafik für die Zuschauerinnen und Zuschauer erkennen.“

Mit anderen Worten: Nicht nur die Rottöne wurden kräftiger dargestellt. Sämtliche Farben wurden an moderne Fernsehstandards, HD-Auflösungen und neue Grafiksysteme angepasst. Das Ziel ist die schon erwähnte bessere Lesbarkeit. Die Intensität der Farben habe die Sendung seit 2002 zweimal angepasst, jeweils im Jahr 2005 und 2014. Genauer dargestellt wird das auch hier bei der Tagesschau.

Silke Hansen, Leiterin der Wetterredaktion beim Hessischen Rundfunk und verantwortlich für die Wetterkarten der Tagesschau, erklärte gegenüber CORRECTIV dazu: „Die Wetterkarten der Tagesschau sind nicht politisch. Es geht immer ausschließlich darum, dass der Zuschauer auf einen Blick sehen kann, wo es in Deutschland wärmer ist, und wo kühler.“

Collage-Wetterkarten-Tagesschau-mit-Jahreszahlen

Jeweils links die Wetterkarten vom 28. März 2002 (Tag und Nacht), jeweils rechts die vom 28. März 2022. Alle Wetterkarten stammen aus der 20-Uhr-Sendung der „Tagesschau“. (Quelle: ARD / Youtube; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Warum dieselbe Temperatur unterschiedlich aussehen kann

Ein weiterer Punkt wird häufig übersehen: Wetterkarten verwenden keine starre Farbskala. Silke Hansen erläuterte ebenfalls gegenüber CORRECTIV: „Wir benutzen über das Jahr hinweg verschiedene Karten, deren Farbgebung jeweils an die zu erwartenden Temperaturen angepasst sind.“

Der Hintergrund ist einfach: Im Frühjahr sind Temperaturen von 24 Grad ungewöhnlich warm, im Hochsommer dagegen eher normal. Würde dieselbe Farbskala das ganze Jahr verwendet, wären an heißen Sommertagen große Teile Deutschlands nahezu einheitlich rot eingefärbt. Unterschiede zwischen 28, 33 oder 38 Grad wären kaum noch erkennbar. Deshalb werden die Farbverläufe saisonal angepasst. Das verbessert die Differenzierung innerhalb der jeweils zu erwartenden Temperaturen – verändert aber nicht die gemessenen Werte.

Unterschiedliche Karten werden oft miteinander verglichen

CORRECTIV weist darauf hin, dass häufig die Temperaturkarte des aktuellen Tages einer Drei-Tages-Vorschau gegenübergestellt wird. Beide Karten verfolgen unterschiedliche Zwecke und besitzen deshalb unterschiedliche grafische Gestaltungen. Ein direkter Vergleich führt zwangsläufig zu einem falschen Eindruck. Ebenso werden oftmals Karten aus unterschiedlichen Jahreszeiten nebeneinandergestellt – etwa eine Frühlingskarte aus den 1990er-Jahren mit einer Sommerkarte aus den 2020er-Jahren. Auch dadurch entstehen scheinbar drastische Farbunterschiede, obwohl beide Darstellungen innerhalb ihres jeweiligen Kontextes korrekt sind.

Internationale Praxis statt deutscher Sonderweg

Ein Blick über die Grenzen zeigt außerdem, dass kräftige Rot-, Orange- oder Violetttöne keineswegs eine Besonderheit von ARD oder ZDF sind. Internationale Wetterdienste wie BBC Weather, MeteoSwiss, Météo-France, oder Meteoblue (oder auch meine Lieblingswetterplattform kachelmannwetter) verwenden vergleichbare Farbskalen, um hohe Temperaturen sichtbar zu machen. Die Farbwahl folgt dabei den Prinzipien moderner Informationsgrafik: Warme Temperaturen werden in warmen Farben dargestellt, kalte Temperaturen in kalten Farben. Dieses Schema ist weltweit verbreitet und erleichtert die schnelle Orientierung.

In der aktuellen Hitzewelle hat auch das ZDF das Thema aufgegriffen. Im Morgenmagazin stellte Wettermoderator Benjamin Stöwe klar, dass die dunkelrote Darstellung nicht der Panikmache dienen solle: „Wenn wir Ihnen das so sagen, auch in der dunkelroten Einfärbung, dann tun wir das nicht, um damit Panik zu machen. Sondern um Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich vorzubereiten, sich zu sensibilisieren für diese enorme, extreme und ungewöhnliche Hitze.“ Damit ordnet das ZDF die Farbwahl ausdrücklich als Warn- und Informationsinstrument ein, wie der Kölner Stadt-Anzeiger aktuell berichtet.

Warum sich die Behauptung dennoch hält

Der Erfolg der Verschwörungserzählung liegt vor allem in ihrer Einfachheit. Zwei Screenshots nebeneinander reichen aus, um beim flüchtigen Betrachter den Eindruck einer Veränderung zu erzeugen. Dass dabei unterschiedliche Kartentypen, verschiedene Jahreszeiten oder technische Weiterentwicklungen miteinander vermischt werden, fällt vielen Betrachtern zunächst nicht auf.

tagesschau 20:00 Uhr, 26.06.2026

Es ist doch so: Dass Wettervorhersagen und -darstellungen heute anders aussehen als vor 20 Jahren, ist unbestritten. Grafiksysteme, Bildschirmtechnik und Designstandards haben sich erheblich weiterentwickelt. Ebenso werden Farbskalen an Jahreszeiten und Temperaturbereiche angepasst, um Wetterinformationen möglichst verständlich darzustellen. Dinge dürfen sich weiterentwickeln. Die immer wieder erhobene Behauptung, ARD, ZDF oder andere Wetterdienste würden Temperaturen durch rote Karten bewusst dramatisieren oder gar manipulieren, bleibt für mich absurd. Im Gegenteil: Die Erklärungen der verantwortlichen Wetterredaktionen, die Aussagen der beteiligten Fachleute und die Recherchen unabhängiger Faktenchecker sprechen übereinstimmend gegen diese These.

Bilder: CORRECTIV, AFP, ARD, ZDF

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Samstag, 27. Juni 2026, 11:55 Uhr
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