Interview mit Lucia Haslauer zur neuen Webserie von "ZDF Quantum / Das kleine Fernsehspiel"

Provokation, Frustration, Innovation: Familie Braun

SPOILER !!
Michael
05.02.16

Heute um 17 Uhr startet in der ZDF-Mediathek und auf YouTube eine ganz außergewöhnliche Serie des ZDF: die Webserie „Familie Braun“. In acht Folgen à sechs Minuten stellt die sechsjährige Lara das Leben einer Neonazi-WG komplett auf den Kopf.

Familie Braun

Die Serie ist ein Produkt der Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF, genauer gesagt des dort angesiedelten Formatlabors Quantum, in dem neue und innovative Fernsehformate (mit-)entwickelt und zur Serienreife gebracht werden: „Lerchenberg“ zum Beispiel, oder „Eichwald MdB“. Zum Start von „Familie Braun“ haben wir mit Lucia Haslauer aus der Quantumredaktion über das für das ZDF ungewöhnliche Serienformat, die kontroverse Thematik der Serie und die – das sei schon jetzt verraten – gelungene Umsetzung gesprochen.

Inhalt

Kurz zum Inhalt: Die sechsjährige Lara ist das „Produkt“ eines One-Night-Stands des Neonazis Thomas Braun mit einer farbigen Frau aus Eritrea. Diese liefert Lara zu Beginn der Serie bei Thomas ab, mit dem Hinweis, dass er sich ab sofort um Lara kümmern muss. Sie selbst könne das nicht mehr, da sie abgeschoben werde: „Ausländer raus! – Kennst Du ja.“ lautet noch ihr markiger Kommentar, ehe sie Lara ihrem Schicksal überlässt. Lara gerät in die WG von Thomas Braun und Kai Stahl – beides bekennende Neonazis, deren Wohnung entsprechend dekoriert, ja im Prinzip schon überladen ist mit Nazi-Symbolen und Hitler-Bildnissen. Laras Anwesenheit ist eine Provokation für Thomas und mehr noch für Kai – beide kommen mit der Situation zunächst gar nicht zurecht. Mit der Zeit entsteht bei Thomas ein Gefühl von Verantwortung für Lara, was für erheblich Frustration bei Kai sorgt. Von da an entwickelt sich eine zunächst witzige und später gefühlvolle und nachdenklich machende Kurzserie, die zurecht als Innovation bezeichnet werden kann.

Familie Braun

Interview

Michael Braun: Frau Haslauer, warum ist aus „Familie Braun“ eine Webserie geworden?

Lucia Haslauer: Wir sind in der Quantumredaktion beim Kleinen Fernsehspiel offen für neue Formate, wir suchen sogar explizit nach neuen Formaten, um Geschichten auch einmal anders erzählen zu können. Quantum ist dabei so etwas wie ein Formatinkubator – mit viel Freiheit, Serielles zu entwickeln. Zwar gibt es keine großen Budgets, aber wenn das fertige Produkt dann vorliegt, kann man immer noch überlegen, wo man das Produkt im Programm platzieren kann. Für solche Fälle sind Webproduktionen das ideale Medium – hier kann ich mal schnell mit geringen Mitteln produzieren.

Michael Braun: … was man Familie Braun jetzt aber nicht unbedingt ansieht.

Lucia Haslauer: Das stimmt, die acht Episoden weisen schon eine hohe Produktionsqualität auf. Wichtig war uns auch, das Thema entsprechend so zu präsentieren, dass wir auch nochmal eine andere Zielgruppe ansprechen, als wir sie im Hauptprogramm antreffen. Bei „Familie Braun“ war die Ausspielplattform Internet initial im Konzept mitgedacht!

Michael Braun: Ins Hauptprogramm schaffen Sie es ja mit „Familie Braun“ trotzdem – und das sogar zum Start auf einen sehr prominenten Sendeplatz.

Lucia Haslauer: Das stimmt, und da waren wir auch sehr glücklich, als wir hörten, dass die ersten beiden Episoden direkt nach so einem Quotengaranten wie der heute-show gezeigt werden. Wir hoffen natürlich, dass dadurch ein relativ großes Publikum für die Serie interessiert wird und sie dann im Netz weiterschaut – oder bei der nächsten Ausstrahlung eine Woche später. Aber bei „Familie Braun“ gilt dennoch: online first. Deswegen gibt es sie schon vorab in der ZDF-Mediathek und bei YouTube.

Michael Braun: Wenn man sich die Serie anschaut – was großen Spaß macht -, dann fällt schnell die Ausstattung auf: Überall finden sich Nazi-Symbole, Hitlerbilder oder weitere Anspielungen. Trotzdem wirkt es nicht übertrieben…

Lucia Haslauer: … das hängt auch mit dem Format zusammen: Ich habe pro Folge nur wenige Minuten Zeit und muss entsprechend anders erzählen, als es zum Beispiel bei 30- oder 45-Minütern der Fall ist. Um klar zu machen, wo Lara da hineingeraten ist, mussten wir entsprechend auch mehr an Symbolen und Bildern hineinbringen. Es ist schwierig, in so wenig Zeit Fiktion zu erzählen, ohne gleich zu karikieren.

Michael Braun: Das ist ja auch mit einer großen Liebe fürs Detail geschehen, wenn ich zum Beispiel an das Hakenkreuz-Mobilé denke oder an die großformatige Hitlerbriefmarke, bei der aus Deutsches Reich mit ein paar Handgriffen die Deutsche Eiche wird. Was mir auch gut gefallen hat, ist, dass die Neonazis nicht klischeehaft dumm dargestellt werden, sondern dass sie durchaus mitdenken und eine gewisse Erkenntnis an den Tag legen.

Lucia Haslauer: Das stimmt, und im Laufe der Serie verwandelt sich ja auch die Szenerie komplett. Immer mehr Nazi-Symbole verschwinden und machen Familien- oder Alltagsgegenständen Platz. Uns war wichtig, diese Geschichte zu erzählen, sie aber auch von der Bildsprache her so auszustatten.

Familie Braun

Michael Braun: In der Serie spielt Nomie Lane Tucker als Lara ja eine ganz besondere Rolle. In der Serie gibt’s ja mitunter auch einen raueren Tonfall, dazu die Nazi-Symbole und die Thematik an sich. Wie groß war die Herausforderung, hier behutsam mit Nomie Lane Tucker zusammen zu arbeiten?

Lucia Haslauer: Das war in der Tat eine Herausforderung. Wir hatten einen Kindercoach am Set, und der ganze Drehplan war auf Nomie angestimmt, schließlich darf sie aufgrund ihres Alters nur eine bestimmte Zeit am Set mitdrehen. Als der Dreh begann, war sie noch 5 Jahre alt, durfte also nur zwei Stunden am Tag drehen, und als sie dann 6 wurde, waren es immerhin schon drei Stunden. Das musste bei der Planung entsprechend berücksichtigt werden. Sie hat es aber großartig gemacht: Alle Beteiligten waren sehr behutsam, aber Nomie war ganz unbekümmert – für sie war es ganz klar ein Spiel, sobald gedreht wurde.

Michael Braun: Könnten Sie sich denn eine Fortsetzung der Serie vorstellen?

Lucia Haslauer: Zunächst einmal waren wir vom Kleinen Fernsehspiel eine Art Initialzünder, um mit wenig Budget etwas anzustoßen. Man könnte die Geschichte natürlich noch einmal als längeres Drama erzählen. Ich denke aber schon, dass „Familie Braun“ in sich abgeschlossen und auserzählt ist. Es ist schwer vorstellbar, die Geschichte noch weiter zu drehen. Das Format an sich ist hingegen spannend. In diese Richtung werden wir sicher auch weiterarbeiten.

Lucia Haslauer verstärkt seit 2011 die Quantum-Redaktion im Kleinen Fernsehspiel. Zusätzlich arbeitet sie in der Hauptredaktion Neue Medien mit Schwerpunkt auf crossmedialer Formatentwicklung. Sie studierte Kommunikationswissenschaften, Zeitgeschichte und Politik an der Universität Wien und absolvierte parallel eine Journalistenausbildung. Nach ihrem Studium war sie einige Jahre für den Österreichischen Rundfunk und für Produktionsfirmen als Konzeptentwicklerin und Redakteurin tätig. Sie arbeitete an diversen Digitalisierungsprojekten, war insbesondere für die Formatentwicklung im Bereich Mobile TV verantwortlich. Begleitend absolvierte sie ein Fernstudium der EBU mit Abschluss „Diploma in Electronic Media“. Neben der dramaturgischen Betreuung von Spiel- und Dokumentarfilmen ist sie – gemeinsam mit Lucas Schmidt – verantwortlich für Quantum, das Formatlabor des Kleinen Fernsehspiels. Hier werden Mini-Serien wie „Lerchenberg“, „Götter wie wir“ oder „Eichwald, MdB“ entwickelt.

Kurzkritik

Familie Braun

Mir haben die 40 Minuten „Familie Braun“ sehr gefallen – die Serie ist witzig angelegt, macht im Laufe der acht Folgen aber eine Wandlung durch: es wird ruhiger, dramatischer, nachdenklicher. Durch den humoristischen Einstieg machen es einem die Autoren leicht, in die Geschichte einzusteigen. Man möchte sofort wissen, wie es weiter geht, schaut Folge um Folge. Das knappe, lockere Webserienformat ist in der Tat vorteilhaft, um sich diesem durchaus brisanten Thema gut nähern zu können. Wer es am Stück schaut, bekommt die Episoden in Kapitelform serviert – passt auch.

Zusätzlich haben mich Ausstattung und Besetzung überzeugt. Die drei Hauptfiguren sind mit Vincent Krüger, Edin Hasanovic und Nomie Lane Tucker klasse besetzt. Sie schaffen es schnell, dass man sich mit ihnen identifiziert, ja teilweise sogar mitfühlt. Dazu die schon erwähnte Ausstattung – es macht einfach Spaß, im Laufe der Folgen überall neue Anspielungen und Hinweise zu entdecken und im Laufe der Serie zu sehen, wie aus der braunen WG-Zelle ein annähernd normales Apartment mit Cornflakes und gemalten Kinderbildern wird.

Toll sind auch die knappen, zugespitzten Dialoge und die vielen guten Wortwitze, die in die Serie eingebaut worden sind. Durch die Kürze und das Tempo der Serie wandelt man ständig zwischen neu entdeckten Symbolen, grenzwertigen Sprüchen und satirischen Andeutungen – es ist eine Freude, dabeizusein.

Familie Braun

Ausstrahlung

Die Serie „Familie Braun“ ist in der ZDF-Mediathek und auf YouTube zu finden. Jeden Tag wird eine neue Folge freigeschaltet. Im ZDF hat die Serie dann am 12. Februar ihre TV-Premiere, ab 23 Uhr als Doppelfolge im Anschluss an die heute-show. Die weiteren Doppelfolgen werden dann im Wochenrhythmus ausgestrahlt. Wer nicht so lange warten möchte, kann sich am 15. Februar alle acht Folgen am Stück anschauen.

ZDF-Sendetermine:
Freitag, 12. Februar, 23.00 Uhr (Folgen 1 und 2)
Montag, 15. Februar, 0.15 Uhr (alle acht Folgen an einem Stück)
Freitag, 19. Februar, 0.00 Uhr (Folgen 3 und4)
Freitag, 26. Februar, 0.25 Uhr (Folgen 5 und 6)
Freitag, 4. März, 0.00 Uhr (Folgen 7 und 8)

In ZDFkultur werden alle acht Folgen von „Familie Braun“ am Freitag, 19. Februar 2016, ab 20.15 Uhr wiederholt, in ZDFneo am Sonntag, 28. Februar 2016, ab 0.40 Uhr.

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Ein Kommentar

  • „Dass er sich ab sofort um Lara kümmern muss. Sie selbst könne das nicht mehr, da sie abgeschoben werde“

    Also lesen tut sich das arg unglaubwürdig. Eine Mutter die ihr Kind bei zwei wildfremden Nazis zurücklässt ohne schwer psychisch gestört zu sein? Eine Abschiebung bei der sich niemand um den Verbleib des Kindes Gedanken macht? Klar das Setting ist charmant, aber der Weg dahin klingt arg nach „was nicht passt, wird passend gemacht“.



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