Real gewordener Horror

Review: American Horror Story Staffel 7 („Cult“)

Mini-Spoiler
Maik
15.11.17

War „American Horror Story“ bisher gut in unserer Kategorie „SciFantasy“ aufgehoben, hat diese Staffel sich komplett vom Überirdischen ins Drama-Genre hin verabschiedet. Das ist auf der einen Seite traurig, da ich jede Folge aufs Neue daran denke musste, wie schaurig-schön die allererste Folge der Anthologieserie sich in meine Nackenhaare gebrannt hatte. Dafür ist der verbreitete Horror realer denn je im aktuellen Hier (okay, eher USA denn Deutschland…) und Jetzt. Und das ist mehr schaurig denn schön…

Wieso überhaupt noch angucken?

Nach der selbst echte Fangirls enttäuschenden letzten Staffel sollte doch alles wieder besser werden. Aber bereits das Setting wollte mich nicht recht überzeugen. Trump, US-Wahlen, extremistische Bewegungen – Kult (im Sinne von naive Menschen, die machteifernden Menschen hörig sind, nicht „coole alte Sache“). Es ist daher nicht wirklich verwunderlich, dass viel Zuschauer nur noch den Piloten einer jeden Staffel anschauen, um den mittlerweile beinah einzigen Reiz der neu erfolgten Schauspielerbesetzung mitzunehmen.

Der Cast ist auch durchaus nett geraten, beachtet man, dass bisherige Größen wie Angela Bassett, Kathy Bates und vor allem der von mir schmerzlich vermisste Denis O’Hare gefehlt haben. Dafür hat Showrunner Ryan Murphy „Scream Queens“-Darstellerin Billie Lourd eine Beförderung gegeben und mit Billy Eichner ein gern gesehenes Gaststar-Gesicht für uns parat. Ansonsten konzentriert sich dann doch gewaltig(st) viel auf den Schultern von Sarah Paulson und vor allem Evan Peters, wobei mir gerade Letzterer im Verlaufe der Staffel (auch aufgrund von zwar passenden, aber irgendwie unsinnigen siebenfachen(!) Mehrfachbesetzungen) schlicht zu viel war (und das, obwohl ich auch ihn sehr schätze…).

Real gewordener Horror

Kommen wir zum Horrorthema der Staffel: Trump (dö-dööhh!). Nein, keine Bange – politisch wird es nur sehr selten, eher politisch angefeuert. Der eigentlich große Böse ist nämlich Kai Anderson. Kai wer? Genau. So startet der aggressionsfreudige Patriot mit den Blaukrauthaaren, aber sein Ziel ist die Weltherrschaft. Da fängt man natürlich im Kleinen an und verängstigt erst die Nachbarschaft, dann die Stadt, dann die Region. Denn statt übernatürlichem Horror setzte es diese Staffel sehr plump inszenierte Gewalt. Kaum Atmosphäre, mehr Jump-Scare-Cuts denn wirklicher Schrecken. Was zunächst zumindest noch mit einem Hauch Mysterium ausgezogen wird, verkommt zu einer kunstblutigen Aufführung, die von halbstarken Jugendlichen hätte geschrieben sein können.

„Who is this?“ – „My anger management counselor.“ – „Not very good at her job.“ (Ally & Kai)

Passend dazu setzt es eine „Fight Club“-artige Folgschaft einseitig gekleiderter Männer, die eher wie ein kindlicher Übernachtungstrupp wirkt, mit Schlafsäcken, Rucksäcken und Gute Nacht-Geschichten. Klar, irgendwie soll das auch parodisieren und die Stumpfheit von Kulten und ihren teils gegensätzlichen Charakteristika demonstrieren, in einer solchen Serie funktioniert das aber nicht für mich, wirkt eher wie ein missglückter Versuch der Verstreuung, denn wirklicher Unterhaltungskontrast oder ernstgemeinte Gruppendarstellung. Aber es war nicht alles schlecht, ehrlich.

Erzählerische Zwischenhochs

Nein, damit meine ich nicht den überraschenden und überraschend klischeebehaftet passenden Gaststar-Auftritt von Lena Dunham. Das Ober-Girl war in der Rolle einer Über-Feministin eingespannt, was zwischen „wie ironisch toll!“ und „peinlich klischeehaft“ hin und her zu wechseln wusste (und wie so ziemlich alle größeren Rückblicke in die Vergangenheit wie episodenhafte (haha, sogar wörtlich zu sehen!) Unnötigkeiten wirkten). Ja, ein bisschen hat es für einen Alibi-Handlungsbogen gesorgt, der sich gar bis zum Staffelende zieht, gut macht es das aber noch lange nicht (außer, dass Evan Peters einen Cheeseburger gegessen hat – das war groß!).

Ach ja, ich wollte ja Positives berichten. Also, nachdem die ersten ein, zwei Episoden mich nicht wirklich überzeugen konnten, musste ich Richtung Staffelmitte tatsächlich meinen Groll beiseite legen. Da war erzähltechnisch einiges verdammt Gutes bei! Die verschachtelte Erzählweise mit Zeitsprüngen in alle Richtungen und damit verbundenen Perspektivwechseln inklusive kleinerer Twists hat mir sehr gefallen. Und plötzlich dachte ich, das könnte doch noch richtig gut werden. Wenn schon kein Horror, dann wenigstens smart erzähltes Drama?

„Let‘s get down to business – we got more corpses in our future.“ (Kai)

Enttäuschendes Finale

„Turns out, finding a thousand pregnant women to murder – super hard.“ (Kai)

Nope, nicht ganz. In der zweiten Staffelhälfte verliert sich die Kompaktheit und Qualität der Erzählung. Als hätte man nicht nur diese eine Extra-Episode Nummer 11, sondern gleich eine Hand voll zusätzlich umsetzen müssen und der gute Drehbuchautor war gerade im Urlaub. Das Ende wirkt kalauerhaft ohne Ende mit Manwiches, Gebärmutterpuppen und Melonen als Stichtraining-Utensilien. Die sich überwerfenden Entwicklungen in der letzten Folge waren leider mal wieder nur der Versuch, einen komplexen Höhepunkt zu schaffen. Vielmehr driftete die bis dahin recht kompakte Story in faserige Ausflüchte ab, die schlicht zu weit gedreht wurden, nur um noch schnell eine weitere Ebene einzuziehen.

Und die Moral von der Geschichte? Eine zurückhaltende Frau, die ihre Ängste übersteht und im Kampf um ihr Leben und ihren Sohn zu einer souveränen Lügnerin und Mörderin wird. Ah ja. Oder auch, dass man sich den Entwicklungen nicht gänzlich entziehen kann und stets vom Regen in die Traufe fällt. Dass Kulte eben nicht nur ein TV-Gespinst sondern leider verdammt ernste Realität sind. Das zeigen nicht nur die dokumentarisch anmutenden Rücksequenzen in der Staffel, sondern eben auch das Wahlverhalten rund der Hälfte aller Amerikaner.

„There is something more dangerous in this world, than a humiliated man: a nasty woman!“ (Ally)

Sexismus, Diskriminierung, Naivität – diese Staffel hat versucht, so ziemlich jedes gesellschaftlich relevante Thema anzusprechen oder zumindest mit einem ambitionierten Messerstich in die Nieren zu ehren. Zwischendurch hat mir „Cult“ tatsächlich ganz gut gefallen (auch z.B. der in „Freak Show“ viel zu kurz gekommene Twisty oder die durchaus gelungenen Kostümierungen), auch wenn es so gar nichts mit einstigen AHS-Staffeln zu tun hatte. Bis auf den Großteil des Casts natürlich. Da hat jetzt aber auch niemand (bis auf den omnipräsenten Peters zwischenzeitlich, wobei auch der eher wenig Wandlung in der Figur hatte) auf Weltniveau performed. Im Gegenteil, da waren einige Gefühls- und Charakterschwankungen verdammt kontrastreich gespielt, was aber sicherlich auch am mitunter sprunghaften Schreibstil lag.

Irgendwie passt diese Fokussierung auf Paulson und Peters als Darsteller auch zur Hauptaussage der Staffel. Personenkult ist heutzutage mit das Wichtigste, wenn es darum geht, etwas zu bewegen. Sei es in der Politik oder auf YouTube. Wir alle drohen, Gesichtern mehr zu glauben als Fakten. Und diese Vorstellung ist ja auch irgendwie verdammt horrormäßig.

Vermutlich freuen sich die Macher, dass FX ihnen vor „Cult“ bereits weitere Staffeln zugesichert hat. Bis Season 9 wird es auf jeden Fall noch gehen. Wenn es nach mir geht, darf es gerne auch schon früher enden. Aber wer weiß, vielleicht finden wir uns kommendes Jahr im wechslungsreichen Themen-Wirrwarr der Show wieder in gruseligeren Gefilden wieder. Ich werde bis dahin auch wirklich überhaupt keine private Armee aufbauen, für den Fall, dass ich damit wieder unzufrieden sein sollte. Pinky swear.

Bilder: FX

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11 Kommentare

  • Ich hoffe ja irgendwie, dass die zwei bisherigen 5-Kronen-Wertungen meinem Review und nicht der Staffel gelten… ;)

  • Für den wirklich guten Beitrag zur 7.Staffel American Horror Story „Cult“, gebe ich dir ganze 5 Kronen. Denn ich kann mich dem, was du über die Staffel geschrieben hast, einfach nur anschließen. Ich selbst bin eigentlich ein großer Fan von AHS und das seit der ersten Staffel. Aber das Wort „eigentlich“ stellt ja auch wieder den ganzen Satz in Frage, zurecht. Diese Staffel hat mich sehr enttäuscht und ich zwang mich Regelrecht die Folgen Woche für Woche anzusehen und nicht jede Folge schon nach wenigen Minuten abzubrechen.
    Immerhin kann ich von mir sagen, ich habe dennoch immer wissen wollen, wie es weiter geht. Wenngleich man es sich irgendwie denken konnte, nachdem klar war, wer alles zum Kult gehört. Es ist schon verwunderlich, zum einen wollte ich die Staffel nicht weiter ansehen und zum anderen, habe ich mich dennoch dafür Interessiert. Vielleicht war ja die Hoffnung daran schuld, dass es doch noch besser wird. Nun klammere ich mich an die Hoffnung, dass die 8.Staffel AHS besser wird und zurück zu seinen Wurzeln findet.
    Mit besten Grüßen
    Zera

  • dein review spricht mir aus der seele.
    ich bin großer ahs fan aber leider lässt die serie nach:/
    auch wenn diese staffel besser war als die letzte,fand ich das vorallen das finale mehr als enttäuschend.
    lg

  • Constantin

    Meiner bescheidenen Ansicht nach ist „Cult“ die Beste Staffel in der AHS Historie.
    Die Inszenierung und Überspitzung von realen Ängsten in Anbetracht der aktuellen politischen Situation ist grandios gut. Die Mystik weicht hier einem beklemmenden Dauergefühl und flechtet ganz nebenbei noch eine Genderdebatte mit ein die präsenter den je ist.
    Besonders bemerkenswert sind auch die bewusst überzogen dargestellten Auswirkungen jener Ängste (Verlust von Macht, Diskriminierung, Einwanderung…) in Verbindung mit einem entsprechend charakerisierten Demagogen.

    AHS hat bisweilen nie politische oder ernstzunehmend soziale Kritik enthalten. Diese Staffel ändert dies grundlegend und bietet auch dem reflektivem Anspruch eine Ebene.
    Weiter so!

    • Freut mich, dass die Staffel auch ihr Publikum gefunden und du dir positive Aspekte heraussuchen konntest. Ist am Ende ja letztlich alles Geschmackssache. Ich hatte ja auch einige der Punkte als eingangs positiv angesprochen, am Ende fühlte es sich für mich aber wie ein bedacht so konzipierter Gesellschaftsthemen-Mix an, der eben nicht mehr viel (wie du ja auch schreibst) mit der eigentlichen AHS-DNA zu tun hat.

  • Fontanus

    Wenn auch nicht mehr der allgegenwärtige Grusel, implementiert sich in Cult angesichts der ausufernden Geschichte dennoch ein subtiles AHS-Wohlgefühl. Wie auch in den letzten Staffeln überzeugt hier ein gut aufgelegter Cast, und die toll bebilderte Erzählstruktur mit einigen netten Twists und einem wie immer beeindruckendem Setting haben es in sich. Witzig auch die Parallel-Analogien zu gewissen auch politischen Ereignissen, die in der realen Welt, möglicherweise von anderen Cults (:), wer weiß, ernstzunehmender dargelegt werden als sie letzten Endes tatsächlich sind. Freu mich auf die nächste Staffel….



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