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Sie werden so schnell erwachsen...

Review: Atypical – Staffel 4 (Serienfinale)

Mini-Spoiler
Maik
12.07.21

Am Freitag ging die vierte und leider letzte Staffel von „Atypical“ bei Netflix live (Trailer & alles zum Start). „Leider“, weil die neuen Folgen aufgezeigt haben, welche Stärken die Netflix-Serie zu vereinen weiß. Charismatische Charaktere, authentische Darbietung und eine Geschichte, die gleichermaßen Anknüpfungspunkte für das eigene Leben bietet, als auch den Blick auf eine den meisten von uns zumindest nicht alltägliche Lebenssituation. Hier mein spoilerarmer Blick auf das Serienfinale.

Sam wird immer eigenständiger, was zunächst im Zusammenziehen mit Best Buddy Zahid gipfelt. Das bietet natürlich einige neue Trigger für ihn als auf dem Spektrum befindliche Person. Dabei steht die starke Charakterentwicklung vielleicht sogar der Serie etwas im Weg. Denn Sam ist VERDAMMT eigenständig geworden. Klar gibt es noch Abstimmungsprobleme, aber die dürfte jede:r von uns aus ehemaligen WG-Zeiten kennen. Insgesamt sind die Auswirkungen des Autismus nochmal merklich zurückgeschraubt worden. Zwischenzeitlich vergisst man das bei Sam komplett, verhält er sich doch größtenteils normal, abgesehen vielleicht vom besonderen Sprachduktus. Hier hat man es sich vielleicht in manch einer Situation etwas leicht gemacht, indem aufkommende Probleme mit recht einfachen „Ablenkungsmanövern“ direkt und effizient ausgemerzt wurden. Dabei hilft vor allem Sams großer Entschluss, zur Antarktis zu reisen. Mit teils fadenscheinigen Begründungen, weshalb XY ihn bei seinen Vorbereitungen helfen würde, werden Probleme prompt beiseite geräumt. Vielleicht zeigt das aber auch einfach nur, wie weit Sam gekommen ist. Immerhin ist er deutlich selbstbewusster geworden und letztlich ist „Atypical“ ja auch eine Geschichte über das Kleinhalten von Personen, die vielleicht etwas zu sehr beschützt (um nicht zu sagen, bemuttert) werden, und eigentlich zu viel mehr imstande sind, als sie und ihre Mitmenschen meinen.

Das ist alles schön und gut, bis Sam plötzlich meint, Auto fahren zu müssen. Vielleicht ist das die US-typische Entspanntheit im Straßenverkehr, bzw. meine deutsche Sicht auf die Dinge. Aber da einfach mal hinters Steuer zu gehen, um zu üben, vor allem aber die Tatsache, dass das niemand anderen zu stören scheint, wirkte seltsam auf mich. Mal ganz davon abgesehen, dass Zahid und Sam in einem übergroßen Super-Loft wohnen…

Aber es gab ja auch noch andere Personen und Handlungsstränge! Allen voran wäre da natürlich Casey zu nennen. Die hat ihr Liebes-Wirrwarr mehr oder weniger hinter sich gelassen, dafür gelangt sie direkt in eine sportliche Stress-Situation. Paige versucht Karriere zu machen, weiß aber noch nicht so recht, wo und wie, befindet sie sich doch auf der Suche nach ihrem wirklichen selbst. Und Elsa und Doug haben noch ein bisschen Ehe- und Arbeitskram, der sie auf Trab hält. Den Wechsel zwischen den Erzählsträngen fand ich sehr homogen gestaltet, das hat sich (zumindest in den ersten zwei Dritteln der Staffel) alles sehr schlüssig und kompakt angefühlt. Nur Evan, der hin und wieder kleine Auftritte hatte, wirkte beinahe wie ein Fremdkörper. So gerne ich die Figur auch habe, so hatte es eher den Charakter, als wolle man ihn nicht einfach unter den Teppich kehren, sondern noch zwei, drei Male auftauchen lassen, was vor allem bei einer Szene bei ihm daheim sehr konstruiert gewirkt hatte. Daher bot die Arbeitssituation eigentlich deutlich mehr Anlass, ihn rein zu nehmen, gerne hätte ich ihm mehr Bildschirm-Zeit gegeben.

Beim seltsam anmutenden Evan-Besuch kam mir der Gedanke, ob da nicht etwa eines der vielen Product Placements zur Anwendung kam, mit denen Netflix sich gerne noch was nebenbei verdient. War die Spielekonsole noch einigermaßen kurz eingebunden, kam man um eine andere Sache nicht umher: Nike. Dass Casey einem Sportartikelhersteller treu bleibt – geschenkt. Aber nicht nur sind alle andere Athlet:innen (glaube ich) mit dem Swoosh unterwegs gewesen, nein, selbst Studierende an der Uni haben „Just do it!“-Sweatshirts an. Hat man das ein mal wahrgenommen, hat es einen Folge um Folge verfolgt…

Wie bereits angedeutet, habe ich die ersten zwei Drittel als sehr gelungen empfunden. Danach kam der stets schwierige Drahtseilakt, ein vernünftiges Serienende zu finden. Das ist an sich auch einigermaßen gelungen (von Detail-Umsetzungen mal abgesehen), was mich aber eher genervt hat, war die Tatsache, dass man kurz vorher noch ein paar Klischee-Wendungen eingebaut hat. Drama, wo eigentlich keines hätte sein müssen, wenn man entweder mehr kommuniziert oder einfach mal nachgedacht hätte. Das war mir dann doch zu plump. Außerdem wirkte am Ende alles gehetzt und einige Handlungsstränge waren nicht komplett abgeschlossen. Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen offene Enden, die die Zuschauer:innen derart zurücklassen, dass die Gehirne zu rattern beginnen. Hier hat das aber eher die zeitliche Abfolge und kleinere Nebengeschichten anbelangt, für die ich jetzt keinen Schlaf opfern werde. Da wäre es einfach schön gewesen noch eine abschließende Folge zu haben, die alles aufarbeitet.

Allgemein wäre es aber auch einfach schön gewesen, noch eine Staffel mehr zu haben. Hatte ich bei den Staffeln Zwei und Drei hin und wieder das Gefühl, man würde sich im Kreis drehen und die Nachricht für gut (im Sinne von sinvoll) erachtet, dass die vierte Staffel auch den Abschluss der Serie darstellen soll, so traurig war ich dann jetzt doch, dass es vorbei war. Die vierte Staffel hat nochmal ordentlich Qualität zugelegt. Da war Witz, Charme, Empathie, Menschlichkeit, und einiges, was man selbst für sich und sein Leben rausziehen konnte. Und vor allem hat sie noch Raum gelassen. Raum für weitere Geschichten, für noch mehr Charakter-Entwicklung. Denn ja, neue Abschnitte wurden begonnen, aber so ganz ist die Jugend von Sam und Casey dann doch noch nicht vorbei. Da hätte ich gerne noch mehr zu gesehen. Und das ist vermutlich nicht das schlechteste Urteil nach einer eigentlich finalen Staffel.

Schade, dass es vorbei ist. Mit der finalen Staffel hat „Atypical“ nochmal alle Trümpfe ausgespielt und lässt einen mit vielen Schmunzel- und noch mehr Herz-Momenten zurück. Der Cast ist klasse, die Figuren liebenswert, die Handlung lebensnah und doch ist vieles originell und kurzweilig gehalten. Ein paar kleinere Logiklücken und Klische-Drama-Akte schwächen den insgesamt sehr guten Eindruck ab, genau wie das vielleicht etwas zu abrupt inszenierte Finale. Aber insgesamt waren die zehn jeweils rund halbstündigen Episoden sehr schöne Unterhaltung.

Tschüss Sam! Ich hatte viele tolle Momente mit dir und habe es genossen, dir bei deiner persönlichen Entfaltung zuschauen zu können. Auch bin ich der festen Überzeugung, dass „Atypical“ dazu beigetragen hat, dass Leute empathischer und toleranter miteinander umgehen. Und das kann man nun wirklich nicht von jeder Serie erwarten!

Bilder: Netflix / GREG GAYNE / PATRICK WYMORE

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