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Ein Lehrling der Illusion

Review: „Lupin“ – Staffel 1 / Teil 1

Spoilerfrei
Maik
11.01.21

Anfang Dezember hatten wir euch erste Informationen und Bewegtbilder zum neuen französischen Netflix Original „Lupin“ gezeigt, mittlerweile ist die erste Staffel bzw. der erste Teil der auf zehn Folgen angelegten Miniserie verfügbar. Über das Wochenende habe ich die lediglich fünf Episoden, die jeweils rund eine Dreiviertelstunde Laufzeit mitbringen, geschaut, und möchte euch hiermit in spoilerarmer Manier beschreiben, was daran gut und was schlecht ist.

Was ist „Lupin“?

Die Vorlage zur Serie ist echt. Also, wurde auch im echten Leben fiktiv in selbiges geschrieben. Der französische Autor Maurice Leblanc hat die Figure des Arsène Raoul Lupin Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und nebst anderen Umsetzungen 20 Romane mit seinen Geschichten gefüllt. Die beschreiben den „Gentleman-Dieb“ als charismatischen, wandelfähigen und vor allem smarten Kriminellen, der spielerisch an sein Ziel gelangt und dabei Katz und Maus mit der Polizei und seinen Gegenspielern spielt. Aber nein, in „Lupin“ geht es nicht etwa um den fiktiven Meisterdieb selbst, sondern um einen Charakter, der rund ein Jahrhundert später massig Inspiration aus ihr zieht und die Magie der Geschichten in die Wirklichkeit umzusetzen wagt.

„Als Teenager brach für Assane Diop eine Welt zusammen, als sein Vater starb, nachdem er für ein Verbrechen angeklagt wurde, das er nicht begangen hatte. 25 Jahre später nutzt Assane ‚Arsène Lupin, den Gentleman-Dieb‘ als Inspiration, um seinen Vater zu rächen.“

Charmanter Gentleman-Dieb

Eines muss man „Lupin“ lassen – den Charakterpunkt „Charismatik“ hat man mit einer Eins Plus bestanden. Omar Sy, besser bekannt als „ziemlich bester Freund“ aus selbigen Welthit, ist die ideale Besetzung für eine Figur, die gekonnt zwischen Herzlichkeit und Coolness flaniert. Einzig die Physis des ordentlich trainierten Sy passt nicht wirklich. Denn wirklich wandelbar zeigt sich seine Figur im Zuge der Folgen eher wenig. Klar, da wird mal vom Trainings- in den feinen Anzug gewechselt oder die Haltung der gespielten Figur angepasst, aber ein derart großer Schrank sollte eigentlich auffallen, egal, ob er nun eine Brille trägt oder nicht. Das hat an die „gute“ alte Verkleidung Supermans erinnert. Allgemein ist er im Zuge seiner kriminellen Aktivitäten auffallend auffällig unterwegs, was ein zentrales Problem der Serie aufzeigt: Show.

Ja, die große Show ist ein Stilmittel Lupins und gleichermaßen eines von Assane Diop, unserer Hauptfigur. Das mag in einzelnen Situationen super funktionieren und vor allem für Spannung und Sensationsempfinden beim Zuschauer zu sorgen, aber es ist nicht selten enorm unrealistisch. Leider schafft es „Lupin“ nicht, eine einigermaßen authentische Erzählung zu schaffen. Bei einzelnen Szenen mag man darüber hinwegsehen, vielleicht spielte da halt Gevatter Zufall oder Glück mit, wenn er an Tageslicht mit der gesuchten Beute nahe der Polizei stolz herum spaziert, diese ihn aber nicht bemerkt. Spätestens aber, wenn eine Hand voll Phantombilder angefertigt worden sind, die alle recht ähnlich aussehen, jedoch als „komplett unterschiedliche Menschen!“ angegeben werden, wird es lächerlich.

Allgemein wirkt bei den meisten Figuren vieles überspielt und eher eindimensional. Das mag noch dem Mantel der Coolness unterworfen, oder aber schlicht der Kürze der Staffel geschuldet zu sein. Für mein Empfinden wäre da jedenfalls mehr Entwicklungspotenzial drin gewesen.

Kein Meister des Details

Die Pilotfolge hat mich überrascht. Irgendwie nahm ich ob des Trailers an, dass das Ziel der Staffel dieser große Raub im ikonischen Louvre-Museum sei. Dann gibt es bestimmt vier Folgen fein säuberliche Planung, ehe der Coup losgeht, oder man macht es wie „Haus des Geldes“ und erzählt Umsetzung und Vorbereitung parallel. Ein bisschen ist es auch wie beim spanischen Netflix Original, allerdings geht alles viel schneller. Am Ende der ersten Folge ist der Raub bereits geschehen, quasi als einleitende Charakter-Zeichung Assanes, die eigentlich für sich stehend bereits einen ganz netten (kurzen) Film abgegeben hätte. Im Vergleich zu „Haus des Geldes“ fehlt „Lupin“ jedoch nicht nur die Komplexität, sondern vor allem der Blick fürs Detail.

Viele Kleinigkeiten, die oftmals gar nicht so schlimm sind, aber eben nicht zur auf Perfektion gestimmten Charakterzeichnung passen, stimmen nicht so ganz. Dass ein abgerichteter Hund in ein, zwei Situationen mal nicht bellt, wenn er es eigentlich sollte – geschenkt. Dass Assane aber zum Beispiel das Buch einer erfolgreich in die Bedeutungslosigkeit eingeschüchterte und rechtlich eingeschränkte Journalistin einfach so neu online erwerben kann, wirkt zumindest mal unlogisch. Ein konsequenter Maulkorb hätte einen weiteren Verkauf unmöglich gemacht, da hätte Assane vielleicht über Second-Hand-Plattformen oder so drauf kommen können. Allgemein gelingen ihm viele Dinge erstaunlich einfach, ohne, dass sie uns groß erläutert werden. In irgendwelche Sicherheits-System hacken oder sie gar selbst aufstellen? Kein Problem. Adressen ausfindig machen, die selbst superreiche Ärsche nicht finden können? Klar doch! Das mag alles schwer argumentativ zu entkräften sein, immerhin ist ja alles irgendwie theoretisch möglich, mich stört aber die Menge und wie plump uns da viele einfach als gegeben präsentiert wird. Insgesamt ist die Diskrepanz zwischen Ambition und Umsetzung merklich gegeben.

Verspielte Genialität

Das klingt jetzt alles ziemlich negativ, so schlecht möchte ich „Lupin“ gar nicht schreiben. Und vielleicht stören euch derartige Ungereimtheiten ja nicht so sehr wie mich. Dann habt ihr sicherlich ganz viel Spaß mit der Serie, denn vieles macht sie auch verdammt gut. Die Geschichte ist herzlich, nachvollziehbar und vor allem recht stringent erzählt. Assanes „Missionen“ sind zwar immer wieder extrem over-the-top, aber stets originell erzählt und mit dem einen oder anderen smarten Twist versehen. Natürlich ist das alles inszeniert und zumindest in der Fülle wenig glaubhaft, aber wer auf coole Heist-Taktiken steht, wird nicht enttäuscht. Auch das pschologisch-soziale Spielchen mit Leuten kommt nicht zu kurz. Die Klaviatur ist schon erfreulich weitläufig gehalten. Dazu ist die Erzählung auch in seiner zeitlichen Auflösung gefällig strukturiert. Nun ja, außer, dass das Ende dann doch sehr plötzlich kommt.

Ich fand die erste Staffel von „Lupin“ gut, auch wenn meine hohen Erwartungen einer konsequent smart erzählten, komplexen Gauner-Geschichte nicht gänzlich erfüllt werden konnten. Dazu haben sich in den wenigen Folgen zu viele kleinere Fehler und vor allem unter dem Mantel der Verschwiegenheit versteckten Erklärungs-Löcher ergeben. Aber Omar Sy spielt einen echten Charakter-Typen, der mit jeder Menge Coolness und viel Charisma einige sehr originelle Tricks aufführt. Für kurze Unterhaltung ist mit den fünf Folgen jedenfalls gesorgt. Dennoch finde ich persönlich, dass da noch etwas Luft nach Oben ist.

2. Teil von „Lupin“?

Wird es mit „Lupin“ weiter gehen? Das sieht man auch direkt auf Netflix, wo einem auf der Unterseite des Formates ein „Es ist offiziell: Es wird einen weiteren Teil geben“ gezeigt wird. Bei dem offen gestalteten Ende des ersten Teiles, inklusive Cliffhanger, sollte das wenig überraschend sein. Noch ist jedoch nicht bekannt, wann es zur Fortsetzung kommen wird. Wir halten euch auf dem Laufenden!

Bilder: Emmanuel Guimier /Netflix

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7 Kommentare

  • Das ist die erste Review, die ich von dir/ der Seite gelesen hab.
    Und ich finde du warst zu nett. Ich hab die erste Folge nicht zu Ende geguckt. Die Dialoge nerven und sind langweilig. Die von dir angesprochenen Kritikpunkte sind mir auch ein Dorn im Auge. Muss denn jetzt jeder wie Captain America aussehen?! Das ist ungesund.
    Macht aber weiter so.
    (Nur ein Kritikpunkt: Eindimensionaltät gibt es nur in der Theorie. Du meinst sicher zweidimensional.)

    • Danke für dein Feedback und schade, dass du nicht weiter schauen konntest/wolltest. Und auch wenn Eindimensionalität im wörtlichen Sinne schwierig ist, ist es im übertragenden doch seit jeher ein Begriff der Medienkritik. :)

      • Das instrumentalisierte Individuum entzieht sich der affirmative Kraft der manipulativen Massenkultur mit Hilfe der Verweigerung und Verneinung durch Kritik (…leider heute noch weniger, als in den 60er Jahren).

        Marcuses Analyse ist 2021 aktueller den je, und das hat er auch noch vorhergesagt…😉

  • Danke. Dann weiss ich jetzt, dass es ein offenes Ende und noch einen Cliffhanger gibt. Dann wird das eine weitere Serie, die ich nicht schauen werde. Mich nervt das tierisch, dass man keine Enden mehr zu sehen bekommt. Das haben wir dann drei Staffeln und dann wird es mit einem weiteren offenen Ende abgesetzt. Das habe ich in letzter Zeit zu oft erlebt.

    • Hm, die Gefahr sehe ich hier nicht. Die Serie ist wie oben geschrieben als Miniserie angesetzt, sprich, kurz und abgeschlossen. Wurde jetzt halt auf zwei Teile á 5 Folgen aufgesplittet, die letzten sind aber safe. Klar, kann man die aber natürlich dann alle in einem Rutsch schauen, um dem Cliffhanger zu entgehen. :)

  • SUSANKA

    „Wird es eine zweite Staffel von „Lupin“ geben? Ja. Das sieht man auch direkt auf Netflix, wo einem auf der Unterseite des Formates ein „Es ist offiziell: Es wird einen weiteren Teil geben“ gezeigt wird. Bei dem offen gestalteten Ende der ersten Staffel, inklusive Cliffhanger, sollte das wenig überraschend sein. Noch ist jedoch nicht bekannt, wann es zur Fortsetzung kommen wird. Wir halten euch auf dem Laufenden!“

    Das bezieht sich nur auf Teil 2. Zu Staffel 2 gibt es noch keine Infos.

    • Ja, das ist korrekt, das war nicht der Terminologie Netflix‘ angepasst. :) Wie eingangs geschrieben handelt es sich um eine Miniserie mit zwei Teilen. Es wird demnach (nach aktuellem Stand) keine zweite Staffel geben.


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