Diagnose: Krimi

Warum Krimis das TV-Programm dominieren und wir sie so lieben!

Spoilerfrei
Tobias
18.10.15
HINWEIS: Dies ist ein Gastbeitrag von Tomas Lada und Shirin von Kossak . Wir sind gerade beschäftigt, also gibt es dieses Wochenende viel externen Input. Der stammt aus einer Kooperation mit dem Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der HMTM in Hannover. Daniela hatte uns dort zum Serien-Seminar eingeladen und die Studis mussten durften als Semester-Abschlussaufgabe einen Blogbeitrag erstellen. Die unserer Meinung nach gelungensten gibt es natürlich auch für euch zu sehen!

8,96 Millionen Zuschauer – so viele Deutsche schauten den ersten September-„Tatort“. „Ihr werdet gerichtet“ hieß die mittlerweile 954.(!) Ausgabe der Krimi-Reihe, die im schweizerischen Luzern spielte. Ein Heckenschütze bringt auf offener Straße zwei albanische Autohändler um und 26,7 % des Gesamtpublikums schaut dabei zu. Ist es nicht faszinierend, dass wir Moralmenschen unsere Tugenden vor dem Fernseher völlig vergessen? Uns für Mörder, Vergewaltiger und Psychos interessieren, während wir gleichzeitig den Blick in die Tageszeitung scheuen, weil diese voller Verbrechen und Verbrecher ist?

Es ist erstaunlich, wie voll unsere Fernsehprogramme mit Krimiserien sind. Dazu hier ein Beispiel aus einer normalen Fernsehzeitung, in der alle Sendungen markiert sind, die im wesentlichen Krimi-Inhalte aufweisen:

Auf jedem Sender werden wir mit Krimis konfrontiert: Die privaten Rundfunkanstalten bombardieren uns mit US-Importen, während die öffentlich-rechtlichen nach Skandinavien schielen und Nord-Krimis nach Deutschland bringen oder den Vorabend mit Eigenproduktionen füllen. Mit 13th Street gibt es sogar einen reinen Krimisender, der rund um die Uhr nur Krimiserien sendet. Auch der Tipp des Tages in der „Einkauf aktuell“ oben ist ein Krimi und selbst die ganz kleinen werden nicht verschont. Auf dem KiKa läuft mit „Die Pfefferkörner“ eine Serie, in der halbstarke Hobbydetektive zwischen Hausaufgaben und Fußballspielen Verbrecher jagen und überführen.

Ja, ist denn eigentlich alles Krimi?

Fast! Das Lieblingsgenre von uns Deutschen sind nämlich Sitcoms und Comedy, direkt an zweiter Stelle kommen internationale Krimiserien. Schlaue Köpfe haben sich übrigens auch schon überlegt, dass man Comedy und Krimiserie miteinander verbinden könnte.

Beispiele dafür wären „Der Tatortreiniger“, „Alarm für Cobra 11“ (ok, der Krimianteil an dieser Serie ist gering, aber noch vorhanden), viele öffentlich-rechtliche Vorabend-Eigenproduktionen und die letzten vier Staffeln von „Dexter“ (wohl eher unfreiwillig, findet auch Dexter selbst…).

Die Leidenschaft für Krimis ist schon recht alt. Der Tatort – DIE deutsche Krimiabend-Institution – läuft mittlerweile im 45. Jahr. Wie eingangs erwähnt immer noch mit blendenden Quoten (sogar bei den 14-49-jährigen mit über 20% Marktanteil!) und weit von einer Midlife-Crisis entfernt. Die erste Krimiserie der Welt war übrigens „Charlie Chan“ mit Warner Oland in der Hauptrolle. Ein hawaiianischer Detektiv mit recht merkwürdigem Akzent, der bereits Ende der 1920er-Jahre auf Verbrecherjagd in der Flimmerkiste ging.

Hier ein Trailer aus dem Jahr 1934:

Mittlerweile gibt es zahlreiche Krimiserien im Farbfernsehen und zum Glück mit besserem Ton als in den 1930er Jahren.

Die 10 beliebtesten Krimiserien der Deutschen

Quelle: Studie von Statista

Warum nur?

Doch warum faszinieren uns Krimis so sehr, wie sie es tun? Sebastian Fitzek, seinerseits erfolgreicher Krimiautor, erklärt es sich so:

„Warum machen wir es uns mit Serienmördern bequem auf dem Sofa? Das angstfreie Ambiente hilft, die eigenen Ängste zu verdrängen. Jeder hat ein gewisses Angstpotential, das wird dann verbraucht. Sie helfen uns, das Reale besser zu bestehen.“ – Sebastian Fitzek, 2011

Krimiserien als eine Form des Eskapismus also? Vielleicht ist die Antwort einfacher und wir mögen es auf dem heimischen Sofa mitzurätseln, den Ermittlern über die Schulter zu schauen und in eine Welt voller menschlicher Abgründe einzutauchen? Fasziniert vom Bösen, dem Katz-und-Maus-Spiel und letztlich der Auflösung, bevor wir den Fernseher ausschalten und wieder in unsere gute, behütete, heile Welt zurückkehren?

In jedem Fall ist sicher, dass Krimis – egal ob importiert oder bei uns produziert – wahre Quotengaranten sind und viele Krimi-Fans einschalten und wieder Serienmördern und Psychos zusehen werden, wenn im Herbst die frischen Staffeln vieler Serien wieder anlaufen.

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