"You can do anything."

Review: Dispatches from Elsewhere S01E10 – The Boy (Staffel- & Serienfinale)

SPOILER !!
Maik
30.04.20

Na, habt ihr Popcorn und Schokoladenmilch bereitgestellt? Denn die diese Woche ausgestrahlte Folge „The Boy“ ist nicht nur die letzte der Staffel, sondern gleich der ganzen Serie. Denn eigentlich handelt es sich bei „Dispatches from Elsewhere“ um eine Miniserie, die haben ja per Definition lediglich eine Staffel (oder im Grunde genommen gar keine, bestehen sie doch eher aus mehreren Kapiteln und stellen so einen seriell ausgestrahlten, längeren Film dar). Wie man sich seit den ersten Minuten der amc-Serie hat denken können, haben Jason Segel und seine Mitmachenden sich auch für den Abschluss des Formates so einiges einfallen lassen.

Alles beginnt mit einem Schwarz-weißes Opening und einem minimal bekannten Jungen. DER Junge, der uns sonst mit seinem Clowns-Make-up in der ein oder anderen Folge ins Gesicht zu starren wusste, schaut – noch ungeschminkt – Fernsehen, wobei sich bei jedem Abwenden von der Mattscheibe Clara und Lee darauf zeigen. Sein großer Wunsch: Schauspieler werden!

„I can do that!“ (Junge)

Interessant ist in dieser Phase das Spiel mit den Namen der anderen Figuren. Im Schultheater ersticht ihn ein Peter, im Film wird ein Clarence genannt, der spätere Manager heißt Octavio – da gibt es eine Häufung an „Zufällen“. Den Auftakt nochmal gehörig auf ein hohes Show-Niveau gehievt bekommt eine ziemlich beeindruckende Casting-Performance des kleinen Jungen. Gefolgt von einer Animation im Stile der 30er Jahre, die die kurze Erfolgs-Abflach-Karriere von ihm zeigt. Der Absturz erfolgt dann sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne. Bei dem kleinen Trick mit der Schokoladenmilch, die eigentlich Wein darstellen dürfte, musste ich an „How I Met Your Mother“ denken, wo Jason Segel als Marshall noch „Sandwiches gegessen“ hat.

„There’s a line of boys winding outside the studio gate, who would give their left leg just to be you, to be doing those flips!“ – „How would they be doing those flips with just one leg?“ (Manager & Junge)

Aber siehe da, wie ich am Ende der letzten Folge bereits dachte, war der kleine Junge doch tatsächlich Peter! Also, in gewisser Weise, denn Peter ist gar nicht Peter. Sondern Jason. Segel. Yep. Der öffnet uns nach dieser kleinen Rückblende das Tor in die erzählerische Klammer, versucht „Dispatches from Elsewhere“ doch, einen großen Twist aufzuziehen. Jason erzählt seine Geschichte bei den anonymen Alkoholikern, wo er die rothaarige Simone kennen lernt, deren „The Barn of Beautiful Things“ er besuchen darf.

„It was a lot easier, when I was ‚Drunk Guy‘.“ (Peter)

„I think you need change more than I do.“ (Bettler)

Vieles der eigentlichen Geschichte scheint sich erneut zu begeben. Mr. Segel wurde im Hotel erwartet und auf die „Jejune Suite“ hochgestuft, es folgt ein myteriöser Anruf, ein paar neue Fantasie-Schübe und als „Norman“ durchspielt er ein kleines Rätsel in einem bekannt vorkommenden Café. Eine Bigfoot-Eiskugel später landet er in der „Elsewhere Arcade“, wo er ein richtig fieses Spiel spielt, das ich auch unbedingt mal zocken möchte. Janice und selbst einen Milchmann gibt es noch kurz zu sehen.

„You’re special, because you are exactly like everyone else – perfect!“ (Janice)

Vier Monate und ein Drehbuch-Entwurf später wird klar – nicht etwa geschieht die Geschichte nochmals, sondern erstmals. Die finale Folge hat Jason Segels Inspiration und Motivation aufgezeigt, die ersten neun Episoden zu produzieren. In gewisser Weise reicht er so die von Simone erhaltene Karte weiter. Auf eigene Art und Weise. Selbsthilfe zur Fremdhilfe, wenn man so will. Und vor allem möchte sie zeigen, dass wir dann doch irgendwie alle gleich sind. Wir alle haben Zweifel, Unperfektheiten und Eigenheiten. Das ist ganz normal.

Neben der moralischen Message spielt man am Ende noch das Meta-Ass aus. Nicht nur wird bereits von den Figuren im Zuge der Drehbuch-Story um Jason/Peter auf die eigentliche Handlung eingegangen, auch verschwimmen am Ende die Grenzen zwischen Darstellenden und Charakteren. Konzentriert gipfelt das in der abschließenden Szene, in der der Cast mit der kompletten Filmcrew zu sehen ist und sogar Fans mit in das Finale aufgenommen worden sind, was ein sehr schöner Zug war.

„There’s no you, and there’s no me – there’s only we!“ (Octavio)

Ich bin mal gönnerisch und möchte den besonderen Stellenwert dieser finalen Episode hervorheben. Doch auch wenn diese Folge eine erhoffte Tiefe in die Geschichte bringt und ihr einen erzählerischen Rahmen verpasst, so bleibt die Unausgewogenheit. Das wird fünf Minuten vor Schluss gar selbst benannt, kann dann aber nicht mehr behoben werden. Die Geschichte wirkt sehr personenzentriert, was den eigentlich sehr starken Nebenfiguren-Schrägstrich-Mithauptfiguren nicht ganz gerecht wird. Und auch wenn es Aufklärung bezüglich der kompletten Story gibt, so bleibt es größtenteils abstrakt, der ganz große Twist war das für mich auch nicht und so Momente, wie die Aquarium-Animation wirken etwas flach.

Vielleicht war es die Angst, wie eine Copycat des Filmes „Identität“ (oder anderer ähnlich gelagerter Formate) zu wirken, aber ich hätte es gut gefunden, wenn die Figuren allesamt Persönlichkeits-Stränge Peters (oder von mir aus Jasons…) gewesen wären. Ein klarer, harter Cut wäre mir hier lieber gewesen. So wirkte es, als wolle die Serie mal wieder viele Dinge auf einmal schaffen und dabei vor allem eines bleiben: besonders. Dass das Mittel zum Zweck nicht geheiligt gehört, hat sich jedoch über die komplette Staffel hinweg gezeigt.

„Dispatches from Elsewhere“ Staffel 1 Review

„It’s like ‚Fight Club‘ on acid, written by someone who likes life.“ (Fredwynn)

Nein, mit „Fight Club“ möchte ich die Serie keinesfalls verglichen wissen. Das grenzt dann doch an Blasphemie und leider weiß „Dispatches from Elsewhere“ nicht annähernd an die Tragweite der von David Fincher inszenierten Geschichte heran zu kommen. Dabei fing alles noch sehr vielversprechend an und auch die letzte Folge weiß in Teilen aufflammen zu lassen, was mich so an dem Format gereizt hatte: Fantasie, Originalität, Menschlichkeit. Doch dann flachte es leider immer weiter ab.

So ein bisschen hatte ich das Gefühl, als seien viele der Fantasie-Elemente eben genau das – reingeworfene Fantasie-Elemente, damit man welche hat. Da mag die Analoge zum konzipierten Spiel oder auch der geschriebenen Romanes durchaus passen, um ein paar Ungereimtheiten zu kaschieren, aber das wirkte mir dann doch zu wenig durchdacht bzw. zusammenhangslos erzählt. Und für das Setting dann insgesamt doch zu fantasielos. In den vorherigen Einzelreviews hatte ich zudem ja auch bereits angemerkt, dass ich die Dramaturgie über die Staffel hinweg als zumindest mal suboptimal erachtet habe. Letztlich wollte „Dispatches from Elsewhere“ einfach zu viel erreichen und hat dabei den Fokus für die wesentlichen Charakteristika einer guten Serie aus dem Blick verloren.

Insgesamt ist diese nicht ganz konsequent inszenierte Erzählung aber sehr schade, denn der Stoff hatte wirklich viel zu bieten. Angefangen vom Mystery-Element, das einen hat mitfiebern lassen, worum es denn nun wirklich geht. Gefolgt von der Verträumtheit der Erzählung, die einen hat Abschalten und in eine andere Welt eintauchen lassen. Und nicht zuletzt natürlich die Moral, die uns allen ein Stück Selbstbewusstsein eingeimpft hat und zeigen konnte, dass wir alle irgendwie gleich und doch besonders sind. Und vor allem Peter als Figur hat mir sehr gefallen. Und so bleibt „Dispatches from Elsewhere“ eben vor allem eines: besonders. Nicht „besonders gut“, sondern einfach nur besonders. Aber auch das ist ja in der heutigen Fernsehwelt nicht das Schlechteste.

*schnips!*

Bilder: amc

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