Solide Gaming-Unterhaltung mit vereinzelten Highlights

Review: „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ – Staffel 1

Mini-Spoiler
Maik
09.02.20

Freitag wurde die Debütstaffel der neuen Comedy-Serie „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ auf Apple TV+ veröffentlicht. Passenderweise hatte ich am Wochenende einige Stunden im Zug vor mir, so dass ich die neun rund halbstündigen Episoden durchgeschaut habe. Nach dem durchaus vielversprechenden Trailer Anfang Januar hatte ich mich auf die neue Show der „It’s Always Sunny in Philadelphia“-Macher gefreut, die vor allem auch mal den heutzutage derart wichtigen Gaming-Bereich in Szene setzt. Und auch wenn „MQRB“ jetzt nicht DER neue Comedy-Stern am Fernseh-Streaming-Himmel ist, so wurde ich doch nicht enttäuscht.

„It’s Always Sunny in Silicon Valley“?

Dadurch, dass Charlie Day und Rob McElhenney Mitproduzenten der Serie sind und Letzterer gar die absolute Hauptrolle spielt (sowie einige weitere Darsteller und Macher), kommt natürlich schnell der Gedanke an „It’s Always Sunny in Philadelphia“ auf. Aber nein, „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ ist definitiv moderner und vor allem handzahmer unterwegs. Die Figuren sind zwar auch überzeichnet und bisweilen bissig, es bleibt aber deutlich familienfreundlicher (Betonung auf „er“, denn Schimpfwörter und digitales Blut fließen in Unmengen…). Insgesamt wirkt die Inszenierung deutlich hochwertiger, was nicht gegen „It’s Sunny“ sprechen soll, die Serie hat eben ihren ganz eigenen, rauen Stil. Aber es ist sehr seltsam, „Cricket“-Darsteller David Hornsby mal gewaschen zu sehen zu bekommen…

Durch das Tech-Setting folgt zudem der Gedanke, ob Apple hier das neue „Silicon Valley“ geschaffen hat. Also, die Serie, nicht das Start-up-Tech-Über-Gebiet. Aber nein, auch das ist nicht der Fall. Ja, Tech spielt eine Rolle, aber hier bleibt es größtenteils bei Sätzen wie „Ich programmiere das!“ und ein paar Codezeilen zu sehen, selten geht es wirklich tiefer in die Code-Materie. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung so. Dennoch bleibt es nicht oberflächlich und stets sind nerdige Themen und allem voran eben Videospiele Thema. Fest steht, dass „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ eben kein Mischmasch oder Neu-Aufguss ist, sondern eine eigene, originelle neue Serie.

Praise Ian!

An der Spitze der Serie und Firma steht Ian. Eigentlich nicht wirklich, aber er ist immerhin Schöpfer des Videospiels „Mythic Quest“ und Creative Director im Entwickler-Studio. Er hat die Visionen und die Ausstrahlung eines Alpha-Tieres, alle anderen müssen spuren und seine Ideen möglichst schnell und genau umsetzen. Unter anderem die quirlige Chef-Programmiererin Poppy, die von Charlotte Nicdao dargestellt wird, wobei ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob ich das zu überdreht oder super-sympathisch finde. Vermutlich war es einfach authentisch (und ich habe mich etwas vom australischen Dialekt einfangen lassen…). Weitere Highlight-Figuren des Stamm-Casts sind die von mir bereits vorab in hoher Erwartung erwähnten F. Murray Abraham („Homeland“) als intellektueller Wortkünstler CW Longbottom und Danny Pudi („Community“) als berechnender Geld-Scheffler Brad, sowie Jessie Ennis („LOVE“) als ruchlos-durchgeknallte Assistentin Jo.

Insgesamt lebt „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ sehr von ihren Figuren. Die Handlung hat zwar auch ihr kleinen Höhepunkte und weiß vor allem in der zweiten Hälfte durch erfreulich über- und zurückgreifende Handlungsstränge zu überraschen, aber das Ensemble selbst macht den Reiz aus. Nicht unbedingt, weil alle Figuren liebenswert wären – eher im Gegenteil. Alle haben ein Rad oder gleich mehrere davon ab, haben ihre Probleme und vor allem viel Eigensinn. Das funktioniert nicht immer, vor allem, wenn man logische Arbeitsplatz-Maßstäbe ansetzen sollen, aber im Sinne der Comedy dann doch größtenteils. Wobei die analog zu „Silicon Valley“ eher über die subtile Art daher kommt. Wirkliche Knallergags sind leider eher Mangelware, allgemein hätte sie für mein Befinden noch etwas lustiger sein können.

Toller Exkurs

Mein absolutes Highlight war jedoch eine Folge, in der die Hauptfiguren gar nicht wirklich vorkamen. S01E05, die Folge „A Dark Quiet Death“, die mitten im Sandwich von jeweils vier normalen Episoden liegt. Darin bekommen wir nicht nur die von mir geschätzten Darstellenden Cristin Milioti („A to Z“, „How I Met Your Mother“, „Modern Love“, „Fargo“, „Black Mirror“) und Jake Johnson („New Girl“, „Stumptown“) zu sehen, sondern auch eine herrliche Exkurs-Vorgeschichte in Form einer äußerst originellen Liebes- und Arbeitsgeschichte. Die beiden haben wirklich eine fantastische Chemie in ihren Szenen gehabt und auch die Story selbst hatte viele reichhaltige Momente und herausziehbare Lehren. Wirklich stark und sehr überraschend!

Allgemein weiß „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ auch in seinen „normalen“ Folgen durchaus die bislang in Serien viel zu kurz genommene Videospiel-Industrie entsprechend zu beleuchten (was dadurch gefördert wird, dass Entwickler Ubisoft an der Produktion mitbeteiligt war – Stichwort „Montreal“). Seien es die guten Dinge, wie emotional berührendes Storytelling durch Cut-Scenes UND Gameplay-Elemente, oder negative, wie überteuert verkaufte virtuelle Gegenstände. Auch Videostreamer bekommen ihr Fett weg und einige Meta-Themen werden hier und da aufgegriffen. Natürlich ist das kein komplettes Abbild der Gaming-Branche, aber ein netter Anfang. Leider blieb der Kosmos insgesamt doch sehr überschaubar. Die eigene Firma, ein paar Updates, ein Streamer, ein bisschen hier, ein bisschen da – aber wenig bis nichts zu Wettbewerb, anderen Spielgenres, etc. Vermutlich hat man aber auch zu viel an den In-Game-Animationen gearbeitet, um sie nicht ständig zeigen zu können. Die sehen aber teils in den Cut-Scene-Aufmachungen durchaus schick aus und machen selbst mir MMORPG-Muffel Lust, „Mythic Quest“ mal einen Versuch zu geben. Wäre eigentlich nur folgerichtig, wenn die Serienmacher das Spiel bei Zeiten veröffentlichen würden.

Insgesamt waren die etwa viereinhalb Stunden schon enorm kurzweilig. Ich mag viele der Figuren und allgemein ist die Inszenierung visuell wie in Sachen Dialog und Pacing auf modernem Level gehalten. Die Story ist birgt jetzt nicht allzu viele geniale Momente oder unvorhergesehene Twists, aber die ein oder andere nette Idee ist schon dabei. Ähnlich verhält es sich mit dem Humor. So bleibt die erste Staffel von „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ aber eine willkommene Dramedy-Mischung, die mit der Gaming-Industrie ein noch recht frisches TV-Feld thematisiert. Noch bleibt aber auch Luft nach Oben. Eigentlich wollte ich erst 3,5 Kronen geben, aber das entspräche etwa der 7,1-Bewertung bei IMDb, die auf mich aktuell noch etwas zu schlecht wirkt. Vermutlich wäre 7,5-7,8 oder so passender, deshalb bin ich dann doch auf vier hoch gegangen. Keine Ahnung, in wie fern euch diese Nachkomma-Information weiterhilft…

Jedenfalls ist die Debütstaffel durchaus gelungen und meiner Meinung nach nicht schlechter als das, was „Silicon Valley“ in den letzten Staffeln abgeliefert hat (aber entsprechend auch nicht so stark, wie der Beginn der HBO-Serie). Ich freue mich jedenfalls auf eine Fortsetzung, die bereits von Apple TV+ geordert wurde und soll im Februar 2021 erscheinen soll. Bis dahin kann ich meinen Char ja noch ordentlich grinden…

Bilder: Apple TV+

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