Elja, Moses und die Arche der Atlantier

Review: Tribes of Europa – Staffel 1

Mini-Spoiler
Chris
21.02.21

Lasst mich kurz fachsimpeln: Unser ‚echtes‘, reales Europa, wie wir es kennen, teilt sich auf in 47 Länder, reicht vom Nordkap bis ins Mittelmeer bzw. von der westirischen Küste bis zum Kaukasus. Dazu gibt es die EU, die Europäische Union, die 27 Mitgliedsstaaten umfasst, von denen einer unser bekanntes Deutschland ist (übrigens Gründungsmitglied). Genug der Fakten. Fiktional gibt es auch im Jahr 2074 noch ein Europa, dieses teilt sich aber in Dutzende, eher Hunderte verschiedener sogenannter Tribes. Einige davon lernen wir in der neuen, von Netflix seit dem 19. Februar ausgestrahlten sechs-episodigen Mini-Serie „Tribes of Europa“ kennen. Den Trailer dazu hatte Maik schon gepostest.

Wir erfahren auch, dass der „Schwarze Dezember“ im Jahr 2029, genauer der 31., ein Tag an dem die komplette, so liebgewonnene Technik kollabierte, Schuld an diesem Zerfall unserer Zivilisation trägt. Zurück in die Steinzeit, rein technisch gesehen. Nix mit Smartphones und Digital Natives und Kryptowährungen und und und. Aber auch kein Corona mehr, immerhin etwas! Spannende Idee, nicht neu, aber, vielleicht ganz interessant. Wie üblich möchte ich kurz die Hauptcharaktere und die Story etwas näher beleuchten. Zunächst wäre da Liv und ihr Tribe, die „Origines“.

Origines

Liv und ihre Origines leben naturverbunden ein einfaches Leben, geschützt unter dem Blätterdach dichter Wälder. Livs Dad ist zufälligerweise auch der Anführer dieses Tribes, der im Einklang mit der Natur lebt, nur Wild tötet um selbst zu überleben und in den Wäldern auch Frieden sucht. Livs Mama hatte früher diesen Tribe sogar gegründet und die noch heute geltenden Gesetze erdacht. Die Origines halten sich allgemein aus den Angelegenheiten der anderen, sie umgebenden Völker heraus. Klingt ein bisschen nach Hippie-Kommune, möchte man sagen. Nur die blickdichte, unförmige, Lederlumpen-Wildtier-Kleidung passt da nicht so ganz. Aber.. zurück zum Tribe. Liv liebt ihre Armbrust, vielleicht auch nur zufällig eine kleine Hommage an Katniss Everdeen aus den bekannten „Tributen von Panem“-Verfilmungen. Liv hat zwei Brüder, einen jüngeren, Elja und entsprechend einen älteren, Kiano. Als die verfeindeten Crows ihr kleines Volk überfallen, nehmen sie die Überlebenden gefangen. Darunter ist auch Liv, klar, sonst wäre sie ja schon nach wenigen Minuten raus aus der Serie. Nun verspricht sie sich und uns Zuschauern hoch und heilig:

„Meine Familie ist irgendwo da draußen. Aber ich werde sie finden, egal was es kostet.“

Wen sucht sie überhaupt nochmal? Genau: Ihre Brüder, Kiano, einen dunkelhaarigen Modell-Athleten mit Beschützerinstinkt und Elja, den unerfahrenen, vor kurzem erst zum echten „Waldler“, pardon „Origine“ ernannten Tagträumer, nebenbei auch noch ihren Vater Jakob.

Crows

Wer sind denn nun diese bösen Feinde, die Entführer? Diese Crows? Hmm. Schwer zu beschreiben. Irgendwie sehen die ein bisschen wie die Bösewichter aus Mad-Max (Mel Gibsons Outlaw-Kult-Filmserie aus den 1980ern) aus, nur viel luxuriöser gekleidet. Mit hochgeschlossenen Pelzmänteln, sicherlich Designerstücke, meterhohen Plateausohlen (männliche Crows) bzw. ebensolch waghalsig hohen Stilettos (weibliche Crows) und einer Vorliebe für S/M-Spielchen und -optik. Da ziehen sich schon mal Ringe und Ketten mitten durchs Gesicht einiger Crows, der schwarze Augenschattenstrich unterstreicht diesen etwas martialisch anmutenden, gewollten Look gekonnt. Skrupel kennen sie wenig, sie schlachten ihre Gegner ab, auch wenn man nur wenig davon sieht. „Der Capitan“, der oberste Chef aller Crows, haut optisch nochmal extra rein. Man kann ihn gar nicht passsend beschreiben. Das müsst ihr euch selbst anschauen!

„Wir Crows zeigen keine Schwäche. Wir töten, was sich uns in den Weg stellt“
(Lord Varvara zu Kiano)

Nur soviel dazu: „der Capitan“ schlägt gern Wehrlose und hat sich einen Super-Schlachtruf gebastelt: „Heil dem Stärksten“ – der regelmäßig von allen Crow-Gefolgsleuten und -leutinnen lautstark skandiert wird. Dies erfolgt vermutlich, damit er sich und alle anderen daran erinnert, dass er wirklich der Stärkste sein muss. Auch wenn er diese Stärke zumindest optisch gekonnt verbirgt, da er eher wie ein Opfer wirkt. Halt. ich verzettle mich. Die Crows leben nach strengen Regeln, sie zeigen keine Schwäche, kennen kein Mitleid, lügen aber auch nicht. Das zeichnet sie aus, edelt und ehrt sie fast. Sie beherrschen auch die Hauptstadt Europas (übrigens Ju-Ro-Pa ausgesprochen): unser geliebtes Berlin, jetzt Brathok genannt, und haben eine ziemlich uneinnehmbare Festung daraus gebastelt. Dorthin haben sie nun Livs Familie entführt. Alle? Nein, nicht alle, Elja ist auf der Flucht.

Elja, der kleine Naturbursche, der mich auf den ersten Blick irgendwie an einen Hobbit erinnert hat, ist nicht allein. Er hat ein technisches Wunderwerk bei sich, einen Cube der Atlantier. Einer dieser Atlantier ist eingangs mit seinem Raumschiff in der Nähe des „Origines“-Tribes abgestürzt und hat Elja den Cube übergeben. Dieser müsse unbedingt zurück zur Arche der Atlantier gebracht werden. Eljas neue Lebensaufgabe! Auf seiner Reise durch das zerrissene und umkämpfte Europa macht er die Bekanntschaft so mancher seltsamer Typen. Einer der krassesten (soll so sein) ist Moses, der Schrottsammler. Moses haut für Geld jeden in die Pfanne, verrät alles und jeden und überhaupt, scheint er keine Ehre zu kennen, aber auch keine Freunde. Genau diesem Typ läuft Elja in die Arme. Irgendwie raufen sich beide aber zusammen und bilden tatsächlich ein witziges Buddy-Team. Moses VW-Truck-Bastelmobil befördert beide halbwegs zuverlässig von Abenteuer zu Abenteuer. Auch wenn Elja bald merkt, dass dieser Moses wirklich nur für Ärger gut ist und stinkig auf diesen ist:

„Gibt es eigentlich irgendjemanden auf diesem Scheiß-Kontinent, mit dem du keinen Ärger hast?“

Okay, mehr möchte ich nicht verraten, für all das bisher gelesene und durch mich „visuell erlebte“ vergebe ich:

Mir schwirrt noch ein wenig der Kopf von diesen knapp 260 Minuten „Tribes of Europa“, verteilt auf dieses kurze Wochenende. Was hab ich denn nun eigentlich gesehen? Livs Suche nach ihrer Familie, Kianos Kampf um sein Überleben, Eljas Suche nach der erwähnten Arche der Atlantier. Böse „Crows“, militärisch straff organisierte „Crimsons“, teils witzige Abenteuerchen des Buddy-Teams Elja + Moses, einige Fantasy-Elemente, nämlich immer dann, wenn der „Cube“ in Action war. Dieser Cube der Atlantier der kann nämlich so einiges, zumindest schon mal fliegen, die Umgebung rot scannen, Holos zeigen (die Zukunft abbilden?), hat eine eingebaute Navi-Funktion (natürlich mit weiblicher Stimme) und kann sich auch in eine Laser-Waffe verwandeln! Leider hat er ein Energieproblem, sprich fährt sich selbst runter wenn der Saft ausgeht, meistens genau dann, wenn man seine „Zauberkräfte“ am Dringendsten brauchen würde.

Gratis erfahren wir noch so manche Wahrheiten (oder Binsen-Weisheiten?), die auch wir Realzeit-Europäer kennen dürften:

„Die große Bedrohung kommt nach Europa. Aus Fernost!“

Klar, hier meinen sie wohl nicht billig kopierte technische Neuerungen, die dann viel billiger über asiatische Märkte nach Europa kommen und unsere viel zu teuer produzierte Technik ersetzt oder gleich vom Markt verdrängt. Nein, hier meinen sie einen gesichtlosen und unbekannten „Schwarzen Schwarm“, der jeden tötet, der ihn sieht. Das erfahren wir witzigerweise von kurz auftauchenden asiatischen Flüchtlingen, die Elja und Moses treffen. Könnte humoristisch angehaucht sein, diese Besetzung samt passender Aussage, ich weiß es nicht.

Humor (oder sagt man Wortwitz?) gibt es natürlich auch, vor allem, wenn Moses auftaucht. Der hat nämlich oft blöde Sprüche auf Lager:

„Warten is ne Superidee.
Vielleicht sind die ja grad alle aufm Scheißhaus und können nicht an die Tür!“

Emotionsarm verläuft die Serie ganz allgemein, egal ob jemand stirbt, überlebt, einen Triumph feiert. Gelebte Gefühle gibt es dann, wenn die Crows ihre rauschenden Feste feiern, untermalt von recht moderner (also natürlich nicht im Jahr 2074) Partymusik von Steve Aoki oder Olly Anna.

Von Logiklücken will ich auch gar nicht erst anfangen. Woher zum Beispiel die Crows Strom für ihre opulente Beleuchtung und coole Discoanlage nehmen, muss man nicht wissen oder erklären. Das ist eben so. Vieles ist einfach eben so, wie es ist und bedarf keiner Erklärung. „Tribes of Europa“ will wohl auch kein Erklär-Bär-Video sein, sondern soll unterhalten, zack.. einige Stunden Flucht vor der Corona-Pandemie-Realität bieten und… mehr wohl nicht. Das haben die Macher geschafft. Ein eindeutiger Cliffhanger am Ende von Folge sechs macht Aussicht auf eine zweite Staffel, oder bilde ich mir das nur ein. Zumindest bleiben etliche Handlungsstränge offen und konnten bislang nicht zum Ende geführt werden.

Alles in allem war es für mich keine verschwendete Lebenszeit, aber auch keine Serie von der ich noch meinen Nachkommen in den höchsten Tönen vorschwärmen werde. Macht euch selbst ein Bild, schaltet ein und schreibt mir gerne eure Meinung hier in die Kommentare.

„Trümmer über Trümmer, Niederlage auf Niederlage, und die Wirrnis wird immer wirrer.“ (John Milton)

Bilder: Netflix

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4 Kommentare

  • Oliver Armbrecht

    Ich fand die erste Staffel recht kurzweilig. Es fing langsam an und wurde am Ende immer spannender mit Lust auf die zweite Staffel.
    Manche Punkte sind aber doch fragwürdig, so sagen die Originies der Technik ab, die zum Desaster führte, aber gleich in der ersten Folge feiern sie ein rauschendes Fest mit Musik aus der Konserve und elektrischem Licht.

  • Kurzum: langweilig. Auch diese Serie leidet daran, dass man eine Geschichte, die leicht in einem 2h Spiekfilm erzählt werden könnte, auf unendliche 260 min streckt.

    • Andreas

      Ganz kurzweilig. Die erste Staffel bereitet die ganzen Handlungsstraenge vor. Das ist meist und in vielen großen Serien so. Aber zum Ende hin schön flüssig. Macht Lust auf mehr. Wird aber mindestens ein Jahr dauern, bis neue Folgen zu sehen sind.

      • So manche Elemente erinnerten mich and die Serie „The Tripods/Die dreibeinigen Herrscher(1985)“.
        Die Serie hat einiges zu bieten aber wirkt etwas zu simpel.
        Leider kommt Liv nicht ganz glaubhaft in ihrer Rolle als harte Kämpferin rüber und englisch „mumbled“ sie so daher,
        gleichzeitig finde ich es interessant in deutsch & englisch.
        Was mich nervt ist der bescheuerte Name „Brathok“für Berlin! Echt jetzt??Bäh!!!
        Es gab auch mit der Serie vergleiche mit Game of Thrones aber weit davon entfernt, manchmal sickert das deutsche einfach zu sehr durch und „Freundschaften“ entstehen nicht dieser Geschwindigkeit, wirkt irgendwie kindlich.
        Serie ist okay aber, da könnte noch einiges anderst umgesetzt werden(?).


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