Nikki und Jason sind vollkommen normal

Review: Trying (Apple) – Staffel 1

Mini-Spoiler
Michael
05.09.20

Etwas versteckt im eigenen TV+ Dienst hat Apple das Original „Trying“. Die britische Dramedy mit ihren acht knapp halbstündigen Folgen kommt auch vollkommen unspektakulär daher – und ist auch deswegen so unbedingt liebenswert. Eine 2. Staffel ist bestellt, so dass wir uns hier schonmal einen ausführlichen Blick auf die 1. Staffel gönnen können (hier geht’s zum Trailer).

‚Ein junges Paar kann keine Kinder bekommen und fasst den Entschluss, das Recht zur Adoption eines Kindes zu beantragen.‘ Klingt erstmal nicht nach dem „Muss“-Thema, weswegen man sich gleich für „Trying“ entscheiden würde. Und auch die ersten Momente von „Trying“, in denen wir hauptsächlich etwas aus dem normalen Alltag der beiden Hauptfiguren Nikki und Jason zu sehen bekommen, sorgen zumindest für etwas Skepsis, ob die Entscheidung für die Serie von Autor Andy Wolton und Regisseur Jim O‘Hanton die richtige war. Aber: Als Zuschauer wird man dann relativ schnell für die Entscheidung belohnt, eingeschaltet zu haben.

Sicher, „Trying“ wird nicht das Ding sein, das man in vielen Serien-Jahresrückblicken sehen wird (wobei ich es vorsorglich auf meine Liste gesetzt habe). Aber die Serie hat Charme, sehr viel Charme sogar, der sich im Laufe der acht Folgen entfaltet. Es ist die Einfachheit, mit der Andy Wolton dieses schwere Thema erzählt. Dazu hat er viel Liebe in die Entwicklung von Kleinigkeiten gesteckt. In Nuancen in der Story, vor allem aber in die Charakterzüge und Verhaltensweisen der Charaktere, und zwar nicht nur der beiden Hauptfiguren, sondern auch der Familienmitglieder drumherum, inklusive der Adoptionsberaterin Penny, großartig gespielt von Imelda Staunton.

Da sind zum Beispiel die Momente, in denen Nikki und Jason versuchen, ihren Lebenslauf und ihre aktuelle Arbeitssituation schönzureden, in skurrilen Small-Talk-Runden im Grünen im Kreise der Adoptionsselbsthilfegruppe. Es ist allein schon großartig, wenn sich die beiden auf dem Weg zu diesem Treffen einzig darüber unterhalten, welche Sorte Chips sie denn nun da gerade eigentlich mitbringen, warum es genau diese Sorte sein sollte und was andere Sorten so ausmacht. Und dann die Reaktion am Buffet, wo die Chipstüte schnell unter dem Tisch verschwindet – natürlich nur, damit sie nicht so in der prallen Sonne steht, wofür London ja auch so typisch ist. Der Kreis schließt sich dann aber in der Abschlussszene der Folge, wenn sich ein schwules Paar gemeinsam mit dem ersten Kind genau diese Tüte Chips beim Serienabend gönnt.

Oder Jasons Vorliebe für vollgepackte Teller am Buffet. Das bleibt figurtechnisch natürlich nicht ohne Folgen, was dazu führt, dass er wieder mit Joggen startet, genau dann, als Nikki eine möglicherweise verfängliche Nachricht an ihn auf dem iPad entdeckt (ja, es ist eine Apple-Serie, und deswegen werden wieder reichlich Produkte mit dem Apfel ins Bild geschoben, das nervt ein bisschen wie bei Apples „Amazing Stories“). Die stammt allerdings nur von einer Schülerin Jasons, womit wir schon bei einem der vielen kleinen Nebenschauplätze gelandet sind, die irgendwie nichts mit der Hauptgeschichte zu tun haben, aber ungemein wichtig sind, um Nikki und Jason besser kennenzulernen. Der idealistische Lehrer, der Ausländern die englische Sprache beizubringen versucht und dabei regelmäßig bei der Schulleitung aneckt, weil er anstelle der veralteten, schon x-mal ausgefüllten Bücher lieber Songtexte vermittelt. Und Andy Wolton treibt es dann immer noch ein bisschen mehr auf die Spitze, wenn wir dann hier zum Beispiel am Ende unkommentiert und ohne Dialog gezeigt bekommen, wie die Leitung abends im Büro sitzt und die alten Antworten aus dem Buch radiert, damit die nächsten sie wieder nutzen können.

Und Nikki, die im Call-Center einer Autovermietung arbeitet, nach außen aber in der Reisebranche tätig ist, und eine irgendwie nervige, aber schon wieder unterhaltsame Sitznachbarin erwischt hat, die auch schonmal schwanger war, so 4-5 Monate, wie sie sagt. Als Nikki sie bedauern will, weil sie an ein vorzeitiges Ende der Schwangerschaft denkt, antwortet diese nur kurz zurück ‚Ach, keine Sorge, natürlich nicht am Stück‘. Dazu kommen Momente, wo man als Zuschauer auch einfach mit Nikki mitleiden muss, wenn ihr Chef beispielsweise eine bestimmte Mitarbeiterin zum Korrekturlesen sucht und Nikki sich als Ersatz anbietet. Ein starker Moment, wenn Nikki dann innerlich zerbricht, als der Chef dann doch lieber wartet und wenig später die Kollegin für die Arbeit lobt. Auf der anderen Seite Nikki komplett liebenswerte Art. Alleine die Idee zur Schatzsuche durch London ist einfach großartig, und dazu kommt Jasons Liebe zu Nikki, die dazu führt, dass er die verunglückte Schatzsuche am Ende aufnimmt und sie in der Wohnung für Nikki noch einmal neu durchführt – toll.

Dann sind da noch die vielen Nebenfiguren aus dem Familienumfeld, die alle ihre eigenen Probleme haben, die erst nach und nach zum Vorschein kommen. Aber alles ist richtig so, bei jedem hat sich die persönliche Situation so entwickelt, wie es das Leben eben zulässt. Es läuft eben nicht immer alles nach Plan, das Leben ist kein Hochglanz-Bilderbuch (und man entdeckt zugegebenermaßen vieles aus dem eigenen Alltag). Und doch sind es alles Charaktere, die sich am Ende irgendwie zusammenraufen und den Rückhalt bilden sollen und werden für Nikki und Jason, wenn es zur Adoptionszusage kommen sollte.

Die bekommen die beiden nur über Penny. Ihr versuchen sie alles recht zu machen – zumindest nach den Vorstellungen, die Nikki und Jason von Peggys Erwartungen haben. Das gilt für die Wohnungseinrichtung, die beide mustergültig einrichten für den Besuch von Penny, die aber schnell erkennt, dass alles nur für sie zusammengekauft wurde. Mit ihrem warmherzigen Tipp, sich nicht zu verstellen, bringt sie so etwas wie eine Wende in die Serie. Es entsteht eine gewisse Vertrautheit, und Jason und Nikki erkennen, dass wenn sie sich so geben, wie sie sind, als normales Paar, auch einfach besser zurecht kommen. Darauf hat Penny großen Einfluss, und auch sie hat ihre tollen stillen Momente, die wir miterleben, wenn sie alle Befragungen zu Nikki und Jason einfach löscht und ihr eigenes, kurzes Fazit drunterschreibt. Oder natürlich ihr Verhalten im Restaurant, wenn sie andere Gäste wie selbstverständlich anspricht und um ein Glas Wasser oder eine Gabel bittet.

Alles kleine Momente, wie gesagt, die aus „Trying“ jetzt nicht die große Dramedy machen. Die aber dafür sorgen, dass die 4 Stunden Serienkonsum nachhaltig in Erinnerung bleiben; Man merkt irgendwie, dass man sich im eigenen Alltag jetzt selber einmal zurück nimmt. Dass man die Menschen so sieht, wie sie sind. Dass es immer äußere Einflüsse gibt, die Menschen sich so entwickeln lassen, wie sie heute eben sind. Und wenn eine kleine Serie so etwas Großes leistet, dann kann sie auch nur als unbedingte Empfehlung durchgehen.

Bilder: Apple

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