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Ich komme gerade erst von einer kleinen Ruhrpott-Tour zurück. Ein bisschen treiben lassen, ein bisschen gucken, ein bisschen dieses sehr spezielle Gefühl aufsaugen, das man zwischen Hafenbecken, Backstein, Brücken, Industriekulisse und Trinkhalle eben nur dort bekommt. Und wie das dann so ist: Kaum läuft man durch solche Ecken, fängt das Serien- und Filmhirn automatisch an zu rattern. Moment mal – hier könnte doch auch … Und ja: Genau so ist es. Im Ruhrgebiet wurde und wird deutlich mehr gedreht, als man im ersten Moment auf dem Schirm hat.

Klar, „Der letzte Bulle“ fällt einem sofort ein. Muss auch. Die Serie gehört zu Essen und zum Reviergefühl wie Mick Brisgau zu seinem völlig unzeitgemäßen Charme. Dabei ist Essen nicht nur inhaltlich die Heimat der Serie, sondern tatsächlich auch einer ihrer wichtigen Drehorte. Genannt werden unter anderem das Essener Rathaus, die Grugahalle, das Haus der Technik und die Alte Synagoge. Ganz sauber muss man allerdings dazusagen: Nicht alles wurde im Ruhrgebiet gedreht, manches entstand auch in Köln und Umgebung. Aber selbst mit diesem Zusatz bleibt der Eindruck derselbe: Diese Serie lebt auch deshalb, weil sie nach Revier aussieht, nach Revier klingt und dieses leicht raue, ehrliche Stadtbild mitnimmt.

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Spannend ist aber, dass es mit Der letzte Bulle eben längst nicht getan ist. Beim „Tatort“ etwa lohnt sich ein zweiter Blick, weil „Ruhrpott-Tatort“ eigentlich mehrere Dinge gleichzeitig meint. Da wäre natürlich der Dortmund-Tatort, der seine Stadt immer wieder sichtbar mitspielt: Phoenix-West, der Hafen, diese harten Kanten, diese Übergangsorte, dieses Gefühl von urbaner Fläche, die nicht geschniegelt wurde, bevor die Kamera kam. Und dann gibt es eben noch die eigentliche Legende des Revier-Krimis: Schimanski. Die Stadt Duisburg pflegt diese TV-Geschichte bis heute so offensiv, dass es dort sogar eigene Schimmi-Touren zu den legendären Drehorten in Ruhrort, in der Innenstadt und am Innenhafen gibt. Mehr Auszeichnung als das bekommt ein Fernsehmythos eigentlich nicht: Wenn aus einer Figur irgendwann Stadtführung wird, hat sie ihren Platz im kollektiven Gedächtnis sicher.

Überhaupt ist Duisburg bei so einer Recherche ein erstaunlich ergiebiger Treffer. Wenn man sich anschaut, was die Stadt selbst zu Film- und Fernsehdrehs aufführt, wird ziemlich schnell klar, dass Duisburg weit mehr ist als nur „auch mal Kulisse“. Gerade die Mischung aus Hafen, Wasser, Industrie, Brache, Weite und Stahl macht die Stadt offensichtlich seit Jahren attraktiv für Produktionen. Das Interessante daran: Duisburg spielt vor der Kamera nicht nur Duisburg. Es spielt Milieu, Atmosphäre, Härte, Übergang, Vergangenheit – manchmal sogar Zukunft. Das Ruhrgebiet ist eben nicht bloß Hintergrund, sondern bringt fast immer schon ein Gefühl mit ins Bild.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist „Babylon Berlin“. Dass eine so stilisierte, historisch aufgeladene Serie auch im Ruhrgebiet andockt, klingt auf dem Papier vielleicht erst mal überraschend. Vor Ort ergibt es sofort Sinn. Der Landschaftspark Duisburg-Nord wurde für mehrere Szenen genutzt und taucht genau deshalb in dieser Recherche fast zwangsläufig als Schlüssellocation auf. Denn der Ort kann etwas, das nur wenige Drehorte können: Er ist extrem konkret und gleichzeitig komplett verwandelbar. Er sieht nach Industriegeschichte aus, aber auch nach dystopischer Fantasie, nach Weltkriegsnachhall, nach Parallelwelt, nach allem, was Regisseurinnen und Regisseure gern „Atmosphäre“ nennen, wenn sie eigentlich meinen: Dieser Ort erzählt schon, bevor eine Figur den Mund aufmacht.

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Und dann wird es fast ein bisschen absurd – im besten Sinn. Denn derselbe Landschaftspark Duisburg-Nord taucht eben nicht nur in deutschen Prestigeproduktionen auf, sondern auch bei „Die Tribute von Panem: Das Lied von Vogel und Schlange“. Das ist so ein Fund, bei dem sich das Bild vom Ruhrgebiet ganz elegant einmal um die eigene Achse dreht. Die alte Industriearchitektur, die man hierzulande lange vor allem mit Strukturwandel, Ruß und Malocherromantik verbunden hat, funktioniert plötzlich auch als internationale Blockbuster-Kulisse. Nicht trotz ihrer Rauheit, sondern gerade wegen ihr. Weil diese Orte eben nicht glatt sind. Weil sie Widerstand im Bild haben. Weil sie nicht so aussehen, als wären sie gestern von einer Architekturvisualisierung ausgespuckt worden.

Vielleicht ist das ohnehin die schönste Erkenntnis nach so einer kleinen Tour durchs Revier: Der Ruhrpott ist als Drehort nicht deshalb interessant, weil er geschniegelt oder postcard-ready wäre. Sondern weil er Charakter hat. Weil er Ecken zulässt. Weil er Geschichte nicht versteckt. Und weil er in Serien und Filmen genau das liefert, was vielen austauschbaren Hochglanzkulissen fehlt: Textur. „Der letzte Bulle“, Schimanski, der Dortmund-Tatort, „Babylon Berlin“ oder selbst ein Hollywood-Abstecher wie „Die Tribute von Panem“ zeigen letztlich alle auf ihre Weise, dass das Ruhrgebiet keine x-beliebige Kulisse ist. Es bringt seine eigene Erzählung immer schon mit.

Und genau deshalb macht es so einen Spaß, dort herumzulaufen und immer wieder diesen einen Gedanken zu haben:
Klar. Natürlich wurde genau hier gedreht. Wo denn sonst? Alle Bilder in diesem Artikel sind übrigens von mir selbst „gehandy-knippst“ worden. Und vielleicht passt genau das ja auch ganz gut zum Ruhrpott: nicht geschniegelt, nicht geschniegelt werden wollend, aber ziemlich genau hingesehen.

Bilder: Chris Wright

Beitrag von:
Samstag, 11. April 2026, 12:01 Uhr
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