Kirkman lehrt uns: Es geht darum, nicht zu sterben

Fear the Walking Dead S01E01 – Review zum Serienauftakt

SPOILER !!
Michael
24.08.15

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Es geht darum, nicht zu sterben. Dass dies der zentrale Kern von „The Walking Dead“ ist, wissen wir schon. Jetzt ist das Spin-Off gestartet – es spielt einige Wochen vor der Mutterserie, zu einem Zeitpunkt, als die uns bekannte Bedrohung gerade erst erwacht. Sie ist bislang kaum sichtbar, könnte noch bloße Einbildung sein oder ein Hirngespinst von Verrückten, Drogenabhängigen. Deswegen schickt uns Serienerfinder Robert Kirkman auch gleich in der Pilotfolge nochmal in die Schule. Von Englischlehrer und Hauptcharakter Travis Manawa lernen wir, was Autor Jack London schon zu vorletzten Jahrhundertwende in seinen Texten paraphrasierte: Es geht darum, nicht zu sterben. Die Natur setzt sich immer durch.

Schöner Moment einer sonst eher ruhigen Auftaktfolge zu einer Serie, auf die viele Serienfans mit großen Ansprüchen warteten. Der Ableger der so erfolgreichen Zombieserie – da muss schon was kommen. Gibt’s auch gleich zu Anfang: einen passablen Horror-Einstieg mit Schockmomenten, die ersten Opfer, den ersten Zombie… sorry, den ersten Walker. Aber dann: erstmal Ruhe. Wir rutschen in ein mittlerweile prototypisches Familien-Leben: Patchwork-Familie, mit Kindern, die ihre Stiefeltern – oder auch die eigenen Eltern – nicht mögen; einen verkommenen Sohn und eine mustergültige Tochter – die man eigentlich nur handytippend sieht; eine typische US-Schule, mit kruden alten Lehrern und jungen Schülern, die alles andere lieber machen als dem Unterricht zu folgen.

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Hier und da streuen die Macher ein paar Hinweise darauf ein, dass wir es hier eigentlich mit dem Anfang der Apokalypse zu tun haben. Wer das weiß, erkennt, dass der Zuschauer denken soll, dass es den Schulleiter bereits virentechnisch erwischt hat, als er in seinem Büro kauert – Fehlalarm. Der wissende Zuschauer registriert auch Alicias SMS an ihren Freund Matt, der nicht zu einer Verabredung erscheint und den sie mit einer SMS à la „You better be dead“ abkanzelt. Wird wohl so sein. Und er sieht den dahinschlendernden Nick, von Drogenkonsum und Unfall gezeichnet, wie er sich Walker-ähnlich durch die Straßen von L.A. schleppt.

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Wer’s nicht merkt, für den werden zum Ende der Folge schwerere Kaliber ausgepackt: Das wieder zum Leben erwachende Opfer eines Verkehrsunfalls, das aus verschiedenen Perspektiven gefilmt wird, wie es zusammengeschlagen und -geschossen wird. In der heutigen Zeit alles gefilmt und aufs Handy geschickt. Heißt auch: Es gibt da wohl eine Bedrohung, sie ist aber noch einen Moment entfernt – ein Bildschirm ist immerhin noch dazwischen. Der fehlt am Ende, wenn Nick, Travis und Madison auf Cal treffen und die Bedrohung leibhaftig zu spüren bekommen – das Blut an der Motorhaube von Travis‘ altem Ford-Truck ist das beste Zeugnis davon. Alle spüren, dass irgendwas nicht stimmt:

“What the hell is happening?“ – “I have no idea.”

So lautet der finale Dialog der Auftaktfolge. Das ist das Schöne an dem Kirkman-Kosmos: The Walking Dead läuft in Kirkmans L.A. nicht im TV. Zombies kennen die dort lebenden Menschen nicht. Von daher können sie diese neue Bedrohung auch nicht einordnen. Nun, wir wissen allerdings, was los ist. Das nimmt leider auch ein bisschen Spannung raus. Und die anderen da in Kirkmans L.A., die werden es demnächst zu spüren bekommen. Nächste Woche werden wir es sehen. Die Frage ist nur: Wollen wir das auch sehen?

Für meinen Geschmack war die Serie weit vom eigentlichen Thema entfernt. Alles wurde aus einer gewissen Distanz gezeigt, ganz anders als in The Walking Dead, wo wir nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch kameratechnisch und dramaturgisch mittlerweile immer ganz dicht dabei sind. Derweil man in der Mutterserie das Gefühl hat, bereits ein Teil von Ricks Gruppe zu sein, befindet man sich hier noch in einer beobachtenden Position, weit entfernt vom Geschehen. Klar, man muss auch schon was anderes zeigen, wenn man nicht als bloße Kopie des Originals durchgehen möchte, aber mir war das zu viel Familien-High-School-Soap und zu wenig Apokalypse-Bedrohung. Immerhin geht es darum, nicht zu sterben.

PS: Wer’s noch nicht mitbekommen hat: In Deutschland läuft Fear the Walking Dead beim Streaming-Dienst amazon Instant Video.

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2 Kommentare

  • Das sehe ich nicht ganz so kritisch. Grade das Familien-Highshool-Soap Element hat mir gut gefallen. Auf diese Weise wird dramaturgisch der Zerfalls der Gesellschaft viel besser dargestellt.
    In der Mutterserie laufen wir alle mit Rick und Co mit durch die Apokalypse die nun in dieser Serie erst kommt. Finde ich spannend.
    Logischerweise stehen wir noch etwas außen vor, da wir die einzelnen Protagonisten noch nicht kennen und eine Gruppe sich erst noch finden wird.
    Ich bin sicher die nächsten Folgen werden nicht so soft sein. ?

  • Ich fand den Auftakt auch durchaus gelungen. Gefallen hat mir der beinahe schon TWD’sche Beginn, der wunderbar mit dem Autounfall in eine zivilisierte Welt voller Leben aufgelöst wird. Dazu ein heißer erster Walker und ein sehr gutes Spiel von vor allem Frank Dillane. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass die Serie noch einen Tacken früher ansetzt (quasi bei den wirklich ersten Befunden, der Schuljunge weiß schon erstaunlich viel und durch das Viral-Video wird es nun eigentlich in die Masse getragen), aber okay.
    Nur wieso kennen die keine „Zombies“? Da müsste doch irgendwer mal sagen „krass, da stehen Tote auf – sind das Untote?“. Ich bin gespannt, wie es weiter geht, aktuell ein schöner Kontrast mit viel Potenzial. Geht noch besser, aber eben auch schlechter.



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