Alles eine Frage der Perspektive

Review: DARK – Staffel 1 (ohne Spoiler)

29.12.17 19:00
DARKReview
Mini-Spoiler
Jonas
29.12.17

Katrin Eva Deja hat Sozialwissenschaften und Medienwissenschaften studiert. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über Selbstinszenierung in der Fotografie und achtet deswegen besonders gerne auf das filmische Bild, die Komposition sowie stereotypische Inszenierungen. Für uns hat sie sich als Gastautorin die Serie Dark genauer angeschaut und folgendes Review geschrieben.


Die Kleinstadt Winden im Jahre 2019. Der Junge Erik Obendorf wird vermisst. Seine Mitschüler Jonas (im Bild oben zu sehen), Bartosz, Martha und Magnus sowie deren jüngerer Bruder Mikkel machen sich auf die Suche nach Eriks versteckten Drogen, die er in der Nähe einer kleinen Höhle im Wald versteckt hat. Plötzlich ertönen Geräusche aus der Höhle, die Taschenlampen beginnen zu flackern und es breitet sich ein Gefühl der Angst aus. Voller Panik rennen die Jugendlichen aus dem Wald und verlieren auf der Flucht Mikkel. Von Mikkel fehlt jede Spur. Bei der anschließend gefundenen Kinderleiche handelt es sich weder um Mikkel noch um den vermissten Erik. Das Dorf ist tief beunruhigt, alles wirkt wie schon einmal geschehen. Was ist vor 33 Jahren in Winden passiert?

„Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige…“ (Albert Einstein)

Mit dem Zitat von Albert Einstein wird die umworbene erste deutsche Netflix-Serie eingeleitet. Es folgt eine Erzählung über das Verhältnis von Raum und Zeit. Ich muss zugeben, dass mir die Thematisierung von Zeitreisen in einer deutschen Serie zunächst Sorgen macht. Wie können in dieser düsteren Stimmung, in diesem inszenierten Pathos, authentisch und nicht lächerlich, Zeitreisen dargestellt werden? Ich bin gespannt, aber zunächst kritisch.

Die Frage ist nicht, „wie“, sondern „wann“, so heißt es. „Dark“ beschäftigt sich mit dem wirklich großen philosophischen Thema der wahrgenommenen Realität als Produkt von Raum und Zeit. Bildnerisch wird eingeleitet mit Aufnahmen des endlos wirkenden Walds des Dorfs „Winden“ im Sonnenaufgang sowie mit den Sequenzen eines Raums in einer Hütte, in dem Fotos der Dorfbewohner in verschiedenen Altersstadien an einer Wand befestigt und mit Fäden als eine Art Stammbaum der Beziehungsverflechtungen der Personen arrangiert wurden. Hierbei werden Beginn und Ende der Staffel sowie die zeitlichen Ebenen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dargestellt. Bildnerisch schließt sich auch damit der besagte „ewige Kreis (…). Alles ist miteinander verbunden“.

Die Einleitung ist schon einmal schön geworden. Langsam merke ich, dass ich die von mir automatisch eingestellte, englische Synchronisation ausmachen kann. Cool, endlich mal Deutsch als Originalton!

Das Intro gefällt mir auch schon beim ersten Sehen, entfacht aber die Brillanz erst, nachdem ich die letzte Episode gesehen und damit einen Überblick über die gesamte Handlung bekommen habe. Was für ein schönes metaphorisches Kunstwerk, welches die komplexen Fragen des Plots gekonnt zusammenfasst und das ganz ohne Spoiler, aber Obacht jetzt wird es analytisch!

Am Anfang war das Intro

Das Intro besteht aus Sequenzen, die durch kaleidoskopische Mehrfach- und Einzelspiegelungen den Plot versinnbildlichen. Es werden verschiedene Settings und zentrale Symbole und Motive in vertikaler und horizontaler Ausrichtung gespiegelt. Man erkennt den Wald, die Höhle, die Münze, die Zeitmaschine etc. in verschiedenen Blickrichtungen und Perspektiven.

Die Ausrichtung der Spiegelung lässt das Gezeigte auf den ersten Blick unbekannt und fremd wirken. Erst auf den zweiten Blick erkennt man das gezeigte Motiv. Das Gleiche wirkt auch umgekehrt. Das Bekannte wird fremd, das Fremde wird zum Bekannten. Die Sequenzen verschmelzen ineinander, ergeben neue Formen und verändern damit das Bild. Die vielfachen Wiederholungen des Motivs durch die Spiegelungen können auch als Analogie zu der in der Serie thematisierten Wiederholung von Ereignissen („der 33jährige Kreislauf“) verstanden werden. Dominant zeigt sich zudem auch die Verwendung des Symbols von Händen und Augen. Diese können als Metapher für die Identität von Menschen stehen, die sich durch die Kaleidoskopie, somit auch im zeitlichen Verlauf, verändert. Die Benutzung des stilistischen Mittels der kaleidoskopischen Spiegelung steht für die Frage nach Realität. Was ist das Original? Was ist der bildnerische Ursprung? Die Antwort liegt in der Perspektive. Die in der Serie häufige Thematisierung des weltlichen Dualismus wird somit filmisch aufgegriffen. Die Aufteilung in Gut und Böse, in Licht und Schatten ist auch im Intro eine allegorische Frage der Perspektive. Die Spiegelung verweist auf die Blickrichtung in die Zukunft, in die Gegenwart und in die Vergangenheit. Das Motiv scheint gleich, die Perspektive ändert sich, lässt neue Formen entstehen, Dinge unerkenntlich erscheinen und Dinge wieder aus dem Fremden auftauchen. Die Kaleidoskopie ist das Spiel mit der Wahrheit. Es geht also nicht darum, wie die Wahrheit aussieht, sondern darum, wann die Wahrheit als Wahrheit existiert.
Unterlegt werden die Sequenzen musikalisch mit dem Ambientstück „Goodbye“ von „Apparat“.

Hier heißt es unter anderem:

“Lay down next to me
Don’t listen when I scream
Bury your thoughts (doubts)
And fall asleep
Find out
I was just a bad dream“

Das Bild geht dabei eine Symbiose mit dem gesprochenen Text ein. „Lay down next to me. Don’t listen when I scream “, jemand ist einem nah und doch so fern. Das Motiv lässt sich sowohl in den intimen zwischenmenschlichen Beziehungen in der Serie finden, als auch als generelle Beschreibung des Miteinanderlebens im Dorf. Bekannte menschliche Formen und Gesichter werden durch die Spiegelung verändert, die Metamorphose verändert bis zur Unkenntlichkeit. Die Person, die man vermeintlich kennt, wird zu einer anderen. Die Textpassage „bury your thoughs“ weist zudem auf Verdrängungsmechanismen ins Unterbewusstsein hin. Die Veränderungen der Formen bekommen den Charakter der Veränderung durch unterbewusste psychische Prozesse, die sich in der Persönlichkeit innerlich und äußerlich ausdrückt. Somit kann die Verwendung des kaleidoskopischen Stilmittels auch als Analogie auf den „Rorschachtest“ bzw. den „Tintenklekstest“ interpretiert werden, der eine wichtige Bedeutung in der Psychoanalyse spielt. Bei dem „Rorschachtest“ geht es um spontane Assoziationen zu dem Gezeigten, wodurch Persönlichkeiten charakterisiert und klassifiziert werden. Insbesondere geht es darum, psychische Auffälligkeiten durch abweichende Assoziationen ausfindig zu machen. Du bist das, was du siehst, die Perspektive verändert deine Wahrnehmung.

Hat jemand Stranger Things gesagt?

Das Intro steht für mich für den anspruchsvollen und künstlerischen Charakter der Serie, der zeitweise sogar sehr gut funktioniert. Wäre da nicht im Vorfeld der ständig medial präsente Vergleich zu „Stranger Things“. Ich kann mir das nur als eine Marketingstrategie erklären, um die Fangemeinde von „Stranger Things“ in gebannter Vorfreude auf die dritte Staffel zum Anschauen einer neuen, ähnlichen Serie zu mobilisieren. Der Vergleich stört mich aber. Die ersten zwei Folgen sind voller Analogien (das mysteriöse Forschungszentrum in Hawkins bzw. das mysteriöse AKW in Winden, vermisste Kinder, 80er Jahre Zitate) und man ist schnell geneigt, „Dark“ einfach als deutschen Abklatsch abzutun. Das ist schade. „Dark“ kann man meines Erachtens nur bedingt mit „Stranger Things“ vergleichen. Beide Serien haben unterschiedliche Ästhetiken, unterschiedliches Storytelling, unterschiedliche Schwerpunkte und sind gar anderen Filmgenres zu zuordnen. „Stranger Things“ ist eine tolle Hommage an den Film der 80er Jahre, der zwar auch düster ist, aber auch wundervoll inszenierte Trash- und sogar Camp-Elemente aufweist. Dagegen ist „Dark“ sogar in seinen poppigen Momenten ernst, düster und mysteriös. Die lustigen Momente funktionieren bei „Dark“ für mich nicht. „Dark“ leistet sich so viel Pathos, dass jede Schwachstelle der Serie bestraft wird und sofort unglaubwürdig wirkt. Daher muss man bei Auftritte einiger (Klein-) Darsteller manchmal schlucken. Dies muss man leider auch bei der musikalischen Spannungsmache und darf diese auch hin und wieder ganz tapfer ignorieren. Jede Szene bekommt bei „Dark“ bedeutungsschwere Relevanz durch sehr bedeutungsschwere Musik. Die Musik ist da, immer und ständig. Das nervt extrem. Die spannungsgeladene Musik, die mich stark an „Lost“ erinnert, kann auf der anderen Seite vielleicht aber auch der Grund sein, warum die Spannung stetig aufrecht gehalten wird und man einfach nicht aufhören kann weiter zu gucken. Belohnt wird das Durchhalten auch mit einem wunderbaren Soundtrack, der das dunkle und kalte Colour Grading des Films mit vielen minimalistischen und cleanen Sounds komplettiert und auch die Analogien zu „Stranger Things“ lassen spätestens nach der dritten Episode nach, wodurch man besser in die Serie finden kann.

Der Kern der Serie

„Dark“ ist besonders, nicht nur, weil es eine deutsche Serie ist, sondern weil sie auch eine besonders gute Serie ist. So findet man klassische Elemente des Horrorfilms, des Thrillers, des Kriminalfilms, des Science-Fiction-Films, aber auch des Melodramas. Das macht „Dark“ filmisch als auch erzählerisch einzigartig. Hinzukommt das Storytelling, welches in der Zeit und in der Personenperspektive stetig wechselt. Teilweise wirken dabei die Sprünge von Personen und Zeiten (manchmal auch beides zusammen) leicht überfordernd. Am Ende habe ich die komplizierten Personenkonstellationen immerhin dann doch ganz gut verstanden und diese zeitweise Überforderung ist vielleicht auch gerade das, was „Dark“ ausmacht. Für mich geht es in der Serie nicht primär darum, wer der Mörder der verschwundenen Kinder ist, sondern vielmehr, wie auch im Intro thematisiert, um die Beziehungsverflechtungen der Dorfbewohner, das Spiel mit Realitäten und vor allem die Charakterentwicklungen der Protagonisten. Es wird eine Art Psychogramm der einzelnen Personen aufgebaut, indem gerade der Dualismus von bösen und guten Charakteren aufgebrochen wird. Das Verhalten der Protagonisten ist Resultat der betrachtenden, wechselnden Perspektive. Das Dorfleben ist dabei idealer Schauplatz einer stetigen sozialen Kontrolle und daraus resultierender Bewahrung des perfekten Scheins und tief schlummernder menschlicher Abgründe.

„Dark“ entwickelt viele Erzählstränge und lässt auch viele dieser Erzählstränge offen. Zum Glück hat Netflix die Produktion der zweiten Staffel vor einigen Tagen bestätigt.

Es geht wortwörtlich in die Zukunft! Und ich freue mich nicht nur darauf, weitere Facetten der Charaktere kennenzulernen, sondern auch über tolle Unterhaltung „Made in Germany“, die hoffentlich auch zum Vorbild von vielen weiteren deutschen Serien wird. „Dark“ setzt diesbezüglich jeden falls neue Standards. Danke dafür!

Bilder: Netflix

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2 Kommentare

  • Danke für die tolle Analyse :) Mir hat die erste Staffel auch sehr gut gefallen, auch wenn sie, wie du schon angedeutet hast, zeitweise etwas überfordernd war, was jetzt wie warum zusammenhängt. Ich hab mitgefiebert und mochte auch den Soundtrack sehr gern. Bin gespannt auf die zweite Staffel!

  • Jetzt hab ich es auch endlich geschafft.

    Eine extrem faszinierende Serie, aber irgendwie noch unvollständig. Ich brauche die zweite Staffel für eine komplette Bewertung; das Potenzial für den Serien-Olymp ist da, aber auch der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.



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