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Frisch, kaum Fliegen dran.

Review: Dracula S01E01 – The Rules of the Beast (BBC/Netflix-Serie)

SPOILER !!
Maik
02.01.20

Ich hoffe, ihr habt eure Knoblauch-Vorräte aufgestockt, denn ab 4. Januar wird „Dracula“ auch auf Netflix sein Un(geheuer)wesen treiben. Bereits gestern Abend lief auf BBC die erste Episode der Fernsehsender-Streaminggigant-Koproduktion. Die beiden weiteren von den „Sherlock“-Machern im dort gewohnten 90-Minüter-System produzierten Folgen der Miniserie werden heute und morgen dort ausgestrahlt. Nach diversen Teasern kann man sich also endlich einen vernünftigen Eindruck zur neuen Serie über den alten Obervampir verschaffen. Meiner leisen Vorfreude in unserem Netflix-Podcast folgend habe ich den Auftakt für euch angeschaut und beschreibe, ob sich das Einschalten lohnt: Ja. Wer spoilerarm eine Einschätzung haben möchte, scrollt am besten direkt zum Fazit runter.

Die Serie steigt ein im Jahr 1897, im „St. Mary’s“-Kloster in Budapest. Geschieht der erste kleinere Jump-Scare bereits nach wenigen Sekunden durch eine Fliege, soll schon alsbald klar werden, welche Bedeutung die „kleinen Begleiter“ für die Handlung haben. Nicht umsonst sind sie auch neben Blut die Hauptzutat im ganz nett gestalteten Intro der Serie. Ein Gesichts-vernarbter Mister Jonathan Harker ist die erste Person, die wir zu sehen bekommen. Und die besagte Fliege. Die bereits in Vorab-Promo zu sehende Szene mit dem Auge hatte schon was. Ekel und Komik zugleich irgendwie (Ähnliches geschieht rund eine halbe Stunde später nochmal mit einer zu verspeisen versuchten Fliege).

„Is the sun a little bright for you?“ (Nonne mit Holzpfählen in der Handtasche)

Um die Frage zu beantworten, ob Mister Harker Sex mit Graf Dracula hatte (was eine Plot-Basis!) erhalten wir einen Rückblick. Mir gefällt dabei, wie immer wieder zwischen dem „Jetzt“ und „Damals“ gesprungen wird. Die Erzählung wirkt stringent, das Pacing ist bis auf einige Längen im Mittelteil ganz okay gelungen und vor allem durch die sehr eloquent das Gespräch führende Nonne bleibt es größtenteils kurzweilig und frisch.

Der englische Anwalt erzählt davon, wie er im verschneiten Transsilvanien von Schnee und jeder Menge Fledermäusen begrüßt worden ist. Und einem merklich gebrechlichen Dracula, der in einem krassen Schloss wohnt, dessen Darstellung als unüberblickbares Labyrinth und Architektur-Kunstwerk zugleich meiner Meinung nach sehr gelungen ist. Nur Spiegel fehlen der Einrichtung, dafür gibt es sehr schwere Vorhänge. Lichtdicht, versteht sich.

„The people here… They are without flavor!“ – „Perhaps you mean ‚character‘?“ – „Perhaps.“ (Dracula & Harker)

Allgemein strotzt vor allem die erste halbe Stunde der Folge nur so vor Anspielungen. Das Wort „Vampir“ fällt erst recht spät, aber natürlich weiß jeder, der sich auf eine Serie mit dem Namen „Dracula“ einlässt, worum es sich drehen dürfte. Entsprechend entlocken beigeführte Holzpflöcke, diverse gesprochene Doppeldeutigkeiten und Anzeichen stereotypischer Dinge, die die mystischen Blutsauger nicht so gerne haben, den einen oder anderen Schmunzler. Denn ja, es „lebt“ niemand sonst im Schloss, jaja…

„He could smell my thoughts in the air?!“ – „No, Mister Harker, that would be ridiculous! But perhaps in your blood…“ (Harker & Schwester)

Dass die Lage und Geschichte ernst wird, wird für Harker eigentlich bereits beim ins Fenster geritzten Hilferuf, spätestens aber dann klar, als er nicht wie geplant am Folgetag abreisen darf. Und irgendwie wirkt Graf Dracula gar nicht mehr so gebrechlich, wie noch zuvor…? Und Englisch kann er auch besser reden. Und trinkt er plötzlich Rotwein? Äh, nein, nicht ganz.
Hilferuf ins Fenster geritzt

Nach ein paar kleineren Jump Scares und Finsterheiten folgt die erste wirklich gruselige Szene in einem Kellergewölbe der Schlossanlage. Die Präsentation der ersten „Kistenperson“ hat mir sehr gefallen. Zumindest der zunächst packende Initialmoment. Die verstörend gestalteten Bewegungen danach hatten in ihrer Stopmotionform eher was von nicht ganz erstnzunehmendem Klamauk á la „Armee der Finsternis“. Wo wir gerade bei Film-Analogien sind: einen „Exorzist“-Moment gibt es auch noch. Ansonsten schafft die Serie es aber wie ich finde ganz gut, sich dem alten Thema Vampir-Schauder mit Originaltreue zu widmen und dennoch eine moderne Mischung aus bekannten Elementen zu bieten. Statt im aufrecht stehenden hölzernen Sarg bevorzugt der BBC/Netflix-Dracula übrigens einen liegenden steinernen Schlafsarg.

Mit geschätzt 17 total unhandlich zu haltenden Karten im Arm geht Harker auf neuerliche Erkundungstour durch geheime Gänge und findet erneut: Boxen. Dieses Mal aber etwas größer und mit etwas lebendigeren Wesen drin. Zumindest eine Frau, die zunächst Chucky die Mörderpuppe kreiert, um dann auch unseren Briten zu beißen.

„Why did you kill her?!“ – „Who? Oh! Uhm… Because I wanted to see if she would die, I suppose.“ – […] – „You‘re a monster!“ – „And you’re a lawyer – nobody‘s perfect.“ (Harker & Dracula)

War Dracula in der ersten Hälfte der Auftaktfolge eher beiläufige Nebenfigur, strebt er hinten raus stilsicher in die Haupthandlung hinein. In der Dachszene wird im Ansatz gekonnt mit der Schattenlinie und dem Wechselbild zwischen Licht und Dunkelheit gespielt, hier hätte man meiner Meinung nach aber noch etwas mehr in Sachen Kameraausrichtung machen können. Dafür erhalten wir die nette Info, dass Dracula Mozart auf dem Gewissen hat.

„You are, what you eat.“ (Dracula)

Richtung Ende wird es deutlich spannender. Die Nacherzählung endet und alle Figuren schließen zum Jetzt-Zeitpunkt auf. Und es setzt Enthüllungen. Die Tatsache mit dem Kreuz hat mir dabei jedoch missfallen. Bereits beim ersten Aufkommen der Schrei-Szene auf dem Turm dürfte dem Großteil der Zuschauer klar gewesen sein, dass die Reflexion des Sonnenlichts über den metallenen Kreuz-Anhänger den Unmut Draculas auf sich gezogen haben dürfte. Letztlich soll es das Kreuz selbst gewesen sein. Wirkt indirektes Sonnenlicht also gar nicht? Oder nur in Verbindung mit einem Kreuz? Dass die Nonne das im Rahmen einer Nacherzählung nicht sofort registriert, ist klar, aber für uns Zuschauer empfand ich diese „Offenbarung“ als eher schwach inszeniert.

Deutlich besser gelungen war da der kleine Kniff mit der zweiten Schwester im Raum. Ich muss gestehen, zu unaufmerksam gewesen zu sein, was ihr Gesicht anbelangt. Da wurden wir Zuschauer schön in die Rolle von Harker gesteckt, der sich später auch kein Gesicht mehr merken kann. Dass seine Verlobte allerdings so gefasst über den langen Zeitraum der Nacherzählung ist, wirkt auf mich wenig realistisch. Aber vielleicht war das ja bereits der dritte oder vierte Anlauf für sie.

Abschließend erhalten wir einige richtig starke Szenen zu sehen. Vor allem die am Tor des Klosters hat mir imponiert. Dass unsere „Hauptnonne“ so klasse ist, liegt letztlich auch an ihrer Herkunft. Agatha ist eine waschechte van Helsing, also eine ikonische Vampirjägerin. Allgemein hat sie auch dank der Darbietung von Dolly Wells einen starken Auftritt, aber auch Claes Bang als Dracula punktet satt. Vor allem seine Mischung aus selbstbewusster Eleganz mit Hang zur verspielten Arroganz hat mir gefallen. Ich meine, einen abgetrennten Kopf als Brautstrauß nutzen? Wer kommt bitteschön auf so etwas?!

„Hello! I‘ve been dying to meet you.“ (Dracula)

Insgesamt hat mir der Auftakt zu „Dracula“ ganz gut gefallen. Die Figur wird modern und gefällig portraitiert, auch die Annäherung über die in Etappen erzählte und unterbrochene Nacherzählung hat mir gefallen. So wurden wir nach und nach zur Hauptfigur geleitet. Etwas mehr Mystery und „Nicht-Wissen“ hätte es zu Beginn für mein Empfinden haben können, aber es bleiben ja lediglich zwei weitere Episoden, da musste man wohl Zeit sparen.

Etwas gespart hat man hier und da an den Effekten und allgemein der Iszenierung. Das war alles nicht schlecht, aber es gab immer wieder Platz für Optimierung. Gerade die Bildsprache ist eben doch sehr Britisch geraten, was auch nicht böse gemeint sein soll. Auch weiß man in manchen Momenten nicht ganz, ob es nun eine Horror-Serie mit Splatter-Drang sein soll, oder eher ein handelsübliches Drama mit Spannungselementen. Aber das kann sich ja noch entwickeln.

Interessant finde ich den Aspekt, dass man noch nicht genau weiß, zu wem man eigentlich halten soll. Ja, Dracula wird als Monster inszeniert, aber faszinierend ist er ja auch irgendwo. Aber auch seine Gegenspielerin hat neben ein paar hölzernen Stichwaffen einige charismatische Asse im Ärmel ihres Nonnenumhanges. So ist der Weg für einen großen Schlagabtausch mit zwei schlagkräftigen GegenspielerInnen schon einmal geschaffen. Ich werde auf jeden Fall weiter schauen, denn Spaß gemacht hat der Auftakt allemal. Aber an die Großartigkeit von „Sherlock“ langt es bislang leider noch nicht heran. So ist es vorerst nur eine etwas verbissen erreichte 4 von 5.

Bilder: BBC / Netflix

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