Persönlich habe ich in den 80er- und 90er-Jahren recht viele Krankenhausserien geschaut: „Trapper John, M.D.“, „Chicago Hope“ und natürlich „Emergency Room“. Insbesondere „Emergency Room“ hatte mich in seinen Bann gezogen, auch wenn ich nur die erste Dekade dabeigeblieben bin – die Serie lief schließlich unglaubliche 15 Jahre, von 1994 bis 2009. Während mir „Star Trek“ in dieser Zeit das Technobabble beigebracht hat, hat mir „Emergency Room“ Begriffe wie „intubieren“ oder „Thoraxdrainage“ ins Hirn gehämmert. Vor allem aber haben mich die Geschwindigkeit und der damals ungewohnt realistische Blick auf den Klinikalltag begeistert.
Danach habe ich lange ohne dieses Genre mein Serienleben verbracht. Bis zu „The Pitt“.
Und eigentlich wollte ich „The Pitt“ auch gar nicht schauen. Der Hype ist viel zu groß und die Nähe zu „Emergency Room“ zu offensichtlich. In der Hauptrolle sehen wir Noah Wyle, der auch schon in „Emergency Room“ lange der Hauptcharakter war, wieder in einer Notaufnahme. Aber am Ende habe ich gedacht: Was soll’s – ich gebe der Serie mal zwei Folgen. Und dann war es um mich geschehen.
Extremer Realismus – nichts für schwache Nerven
Ich bin kein Arzt, aber bevor ich auf den Inhalt der Serie eingehe, möchte ich den Punkt Realismus ansprechen. Das hat mich fast dazu gebracht, direkt abzubrechen.
Als Jugendlicher habe ich mich unsterblich gefühlt, alle Krankheiten und Gebrechen waren abstrakt. Inzwischen ist das anders. Mit Mitte 40 hat man eine Krankengeschichte und kennt aus der Familie oder dem Bekanntenkreis auch schlimmere Schicksale. Das ändert auch mein Sehverhalten. Mich nehmen die Geschichten viel mehr mit.
Allein die Szene, in der ein kleines Kind stirbt, konnte ich als Familienvater nur sehr schwer ertragen. Aber nicht nur die Tatsache, dass Tod stattfindet – auch die Art, wie „The Pitt“ das darstellt, ist extrem. Da schaut einem das Köpfchen eines Babys aus dem Körper einer Frau entgegen, die gerade entbindet. Alles wird gezeigt. Wer damit Probleme hat, sollte sich sehr gut überlegen, ob „The Pitt“ die richtige Serie ist.
Nichts Neues – aber mit hoher Intensität
„The Pitt“ macht eigentlich nichts Neues. Bzw. das, was heraussticht – weil es schon eine Weile her ist, dass eine Serie so arbeitet – ist der Echtzeitansatz. „The Pitt“ zeigt eine komplette Schicht pro Staffel. Jede Folge entspricht einer Stunde dieser Schicht.
Das führt zu einer hohen Intensität. Patienten tauchen mehrfach auf, sie müssen nicht innerhalb einer Folge „abgearbeitet“ werden wie in anderen. Schicksale treten dadurch stärker in den Vordergrund. Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher stirbt, kommen später die Eltern hinzu, es gibt Gespräche, Seelsorge. Die Fälle, Krankheiten oder auch psychischen Probleme wirken dadurch echter und rücken näher an den Zuschauer heran.
Alles dreht sich um den guten Doktor
In der Hauptrolle sehen wir – wie schon erwähnt – Noah Wyle, der bereits in „Emergency Room“ das Stethoskop geschwungen hat. Er ist Oberarzt, er weiß alles, er ist ein Mensch, der auch Emotionen zeigt, und gleichzeitig Lehrer für die vielen Ärzte in Ausbildung im Krankenhaus.
Dieser Teil funktioniert bei „The Pitt“ exakt wie früher bei „Emergency Room“: junge Ärzte, die noch viel lernen müssen und gerne auch mal anecken.
Die Emotionalität von Noah Wyles Figur wird durch Rückblenden in die Corona-Zeit unterstrichen. Dort musste er sich gegen die Behandlung seines Mentors entscheiden, weil dessen Chancen schlechter waren als die eines jungen Patienten. Am Ende verlor er beide – und das steckt ihm bis heute in den Knochen.
Ich finde allerdings, diese Backstory hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Auch so nehme ich einem End-40er- oder Anfang-50er-amerikanischen Notarzt ab, dass er gebrochen und völlig fertig ist. Was dagegen gut funktioniert: Man nimmt dem gesamten Cast ab, dass sie schon lange zusammenarbeiten und miteinander vertraut sind. Es ist fast so, als würde man eine Serie schauen, die schon seit zehn Jahren läuft – und man schaltet mitten hinein.
Etwas anstrengende junge Ärzte
Während das Stammpersonal rund um Noah Wyle etabliert und mit allen Wassern gewaschen ist, sind die Ärzte in Ausbildung entsprechend jung und unerfahren.
Für mich sind diese Charaktere allerdings etwas zu extrem gezeichnet. Wir haben die viel zu coole und arrogante Ärztin, den sehr naiven Kollegen, die einfühlsame Ärztin mit schwieriger Familiensituation und die extreme Streberin, deren Mutter ebenfalls im Krankenhaus tätig ist.
Beim Schauen ertappe ich mich dabei, dass ich bei manchen Auftritten gerne zum Second Screen greife. Dabei nicht falsch verstehen: Die Schauspieler machen ihre Sache alle super. Eine der Darstellerinnen, Isa Briones, kennen wir auch aus „Star Trek: Picard“ – dort fand ich sie eher schwach, hier meistert sie als Doktor Santos ihre Rolle deutlich besser.
Hätte ich es mir aussuchen können, hätte man die Serie vielleicht mit nur einem oder maximal zwei Ärzten in Ausbildung gestalten sollen.
Eine Krankenhausschicht und alle nur denkbaren Notfälle
„The Pitt“ ist am Ende eine Dramaserie, die nach den üblichen Mustern funktioniert. Das Staffelfinale wird dementsprechend mit einen ordentlichen „Wumms“ gestaltet: Ein Amoklauf sorgt für noch mehr Intensität, Tod und menschliches Drama.
Klar, in den USA ist dieses Szenario leider nicht undenkbar. Aber nachdem wir zuvor schon ein totes Kind, einen hirntoten Jugendlichen und weitere schwere Fälle gesehen haben, fühlt sich das fast etwas überladen an. Es ist mir eine Schippe zu viel. Für mich nimmt das ein wenig vom Realismus der Serie. Ich finde, die Staffel hätte auch ohne diesen Höhepunkt sehr gut funktioniert.
Eine Serie mit Makeln, die am Ende trotzdem in den Bann zieht
Es gibt viel zu kritisieren an der Serie – oder zumindest vieles, was relativ belanglos ist. Beispielsweise wird ein Krankenwagen gestohlen, die Assistenten und Security Mitarbeiter wetten, ob dieser noch vor der Stadtgrenze von der Polizei gestoppt wird oder nicht. Diese eher belanglosen Elemente braucht es aber, ohne ein paar Entspannungsphasen würde man die Geschwindigkeit auch kaum aushalten.
Aber am Ende führen die einzelnen Teile der Serie, die Intensität durch die Echtzeitstruktur und der Realismus der Fälle dazu, dass „The Pitt“ absolut binge-tauglich ist.
Wie gesagt: Am Anfang war ich kurz davor abzubrechen. Am Ende ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich in den „Ach, eine Folge geht noch“-Modus verfalle und eine Stunde später als geplant ins Bett falle.
Und damit verstehe ich auch, warum die Serie so viele Preise abgeräumt hat.
Bilder: HBO Max / Warner Bros. Discovery









































Ging mir ähnlich… ich wollte da eigentlich gar nicht drangehen, wollte dann aber wissen, warum The Pitt so mit Preisen überhäuft wird. Am Ende war’s dann auch so, dass man irgendwie dranbleibt, vor allem auch, weil’s die Serie mit Cliffhangern ganz clever macht. Fand’s auch etwas überraschend, dass die Serie das hohe Niveau beinahe durchgehend durchält. Der Amoklauf war mit dann ein bisschen zu viel, aber war natürlich dramaturgisch hilfreich und hat ja auch schon ein paar Grundlagen für Staffel 2 gelegt. Darauf freue ich mich schon, warte aber, bis alle Folgen da sind, einfach weil ich fürchte, dass sie’s mit den Cliffhangern wieder so gut machen. ;-) :-D