Pierre! Natasha! Andrei! Kartoffeln?

Review: War & Peace – Finale

11.02.16 14:59
DramaReview
Mini-Spoiler
Tobias
11.02.16

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Am Sonntag lief das Serienfinale zu „War & Peace“ in der BBC. Die sechsteilige Serienadaption des Weltliteraturklassikers von Leo Tolstoi war eine der teuersten Produktionen der letzten Zeit und der aufwändigsten noch dazu. Und es hat sich wahrlich gelohnt, das kann man unumwunden attestieren. Tolle Schauspieler gaben ihren Auftritt, monumentale Gebäude und Räume glänzten in alter Pracht – umrahmt von einer unterhaltsamen, spannenden und romantischen Geschichte. Nach einem ersten Blick in den Auftakt folgt heute nun das abschließende Review zum Serienfinale.

Handlung

Die Geschichte von „Krieg & Frieden“ lässt sich überall nachlesen und ich empfehle auch jedem, sich im nächsten Urlaub die knapp 1.600 Seiten mal vorzunehmen. Die Serie folgt zwar schon sehr genau der Handlung, baut nur wenige Freiheiten ein, kann aber das Gesamtwerk nur andeutungsweise nachzeichnen, da im Buch vieles nur im Kopf der Beteiligten oder in längeren Dialogen passiert, was sie denken, was sie umtreibt etc. Das wird in der Serie nur teilweise angedeutet. Wie der Titel schon sagt, wechseln sich im Roman Krieg und Frieden ab. Und mittendrin stehen vor allem drei Hauptpersonen: Pierre, Natasha und Andrei. Um diese drei Personen herum entspringt eine Liebesgeschichte in Zeiten von Aufruhr, kriegerischen Handeln und adliger Verschwendungssucht. Und vor allem, der Suche nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Bestimmung. Das trifft vor allem auf Pierre zu, der im Laufe des Romans und der Serie die interessanteste Wandlung absolviert. Vom träumerischen und völlig überforderten Erbe eines riesigen Vermögens, über einen desillusionierten, verwirrten Mann, der nicht weiß auf welcher Seite er steht bis zum Pierre im letzten Drittel des Buches (in der Serie in der letzten Episode), der seinen Frieden mit dem Leben und den Menschen gemacht hat und rein ist, mit sich selbst. Und sogar am Ende sein persönliches Glück findet, das im Roman an der ein oder anderen Stelle besser angedeutet als es letztendlich in der Serie umgesetzt wird.

Oder in kurz: Mädchen tanzen, Männer sterben, Mütter weinen – und Russland wird am Ende vor Napoleon gerettet.

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Roman vs. Serienumsetzung

Es gab in der Tat nicht viele Szenen oder Handlungen, die in der Serie verkürzt, verändert oder gar weggelassen wurden. Allesamt der Dramaturgie und der Erzählform einer Serie geschuldet oder mit dem Ziel, am Ende vielleicht etwas fröhlich gestimmter Pierre, Natasha und die Geschichte wieder zu verlassen. An den neuralgischen Punkten haben die Produzenten um Andrew Davies die Geschichte natürlich nicht verändert. Es sterben dieselben Personen wie auch im Roman, manch einer aber leicht verändert oder in anderer Gesellschaft, um hier wiederum einen älteren Handlungsbogen abzuschließen, was ansonsten im Roman eher in Gedanken erfolgt.

Zwei Dinge sind mir dann doch in Erinnerung geblieben deren Veränderung in der Serie ein leichtes Kopfschütteln bei mir nach sich zog, da ich die Zusammenhänge kannte, sie in der Serie aber nicht erkennen konnte. Zum einen haben wir mit Hélèn eine im Roman wichtige Figur – die Ehefrau von Pierre – die ab der Hälfte der Serie kaum noch wirklich in Szene tritt. Hier fehlen durch ihr reduziertes Auftreten in der Serie die inneren Kämpfe Pierres und so manche Grundlage für die ein oder andere Entscheidung Pierres, die zwar als Konsequenz auch in der Serie stattfindet aber für den unkundigen Zuschauer nicht zu erklären ist. Für die Handlung der Serie nicht von elementarer Bedeutung aber wiederum auch nicht so Vernachlässigens Wert, wie es denn in der Serie umgesetzt wurde.

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Das zweite ist dann schon ärgerlicher. Pierre wird im brennenden Moskau kurzzeitig zum Helden, in dem er ein Kleinkind aus einem brennenden Haus rettet. Zudem hilft er einer Frau, die von französischen Soldaten belästigt wird. Er wird daraufhin im Handgemenge überwältigt und später der Brandstiftung und Spionage – er spricht wie alle russischen Adligen fließend französisch – angeklagt. Kurze Zeit später befindet er sich mit anderen Gefangenen, vorrangig russischen Soldaten, in einer Ansammlung von zum Tode durch Erschießen verurteilter Männer. Was sich dann aber als Versuch herausstellt, den der Spionage verdächtigen Pierre einzuschüchtern und zum Reden zu bringen. Denn er wird nicht erschossen obwohl er schon den Sack über den Kopf gestülpt bekommen hat. Eine wohl auch schon früher beliebte Foltermethode, die vermeintliche Exekution. In der Serie fällt Pierre dadurch auf, dass er der russischen Frau nicht nur helfen will, sondern sich sogar noch mit seinem Messer auf die französischen Soldaten wirft und diese davon ausgehen müssen, dass er sie umbringen will. Da macht es dann auch Sinn, dass er sich später vor der Erschießungsmauer wiederfindet. Dass er dann auf einmal zurückgehalten wird und nicht zum Anbinden vor die Mauer weggeführt wird, passiert dann aber einfach so. Ohne Grund. Ohne Erklärung.

Was die Serie vollkommen außer Acht lässt, ist die Andeutung im Epilog des Romans. Natürlich faded die Serie ähnlich wie der Roman in den schönsten Farben und Tönen aus, Natasha heiratet Pierre, sie bekommen Kinder und werden eine glückliche Familie. Genauso wie Nicolas, Natashas Bruder, und Marya, die Schwester von Andrei, eine Familie gründen. Allerdings deutet der Roman an, dass Pierre und Nikolay, der Sohn Andreis, in weiterer Zukunft aktiv am Aufstand adliger Revolutionäre (Dekabristen) teilnehmen werden, da sie mit der politischen Situation in Russland unzufrieden sind. Was wiederum den Kreis im Leben von Pierre schließt, der immer wieder revolutionäre Gedanken mit sich herum getragen hatte.

Und zudem die Grundaussage des Romans unterstützt, Kritik an der russischen Gesellschaft formuliert, gesellschaftliche Probleme benennt und somit ein tolles Bild jener Zeit zeichnet und historische Entwicklungen andeutet und den Weg dazu bereitet.

Schauspieler & so

Die Besetzung der wichtigen Figuren ist nahezu ohne Makel. Ein Makel, den alle Schauspieler haben, keiner kann einen russischen Pass vorweisen. Lediglich Napoleon wurde mit Mathieu Kassovitz (Mensch, ist der alt geworden) Nationenkonform besetzt. Denn dadurch, dass hier Briten und US-Amerikaner Russen spielen, fehlt für mich die russische Note. Feinstes Englisch ersetzt die russische Seele. Die haben nicht mal einen Akzent vorgetäuscht. Die Geschichte hätte so also auch in London jener Zeit spielen können. Das empfand ich dann leider als leicht störend und wenig authentisch. Das war alles very british!

Im Roman selbst sprechen die Figuren zudem untereinander meist Französisch, da dies zu jener Zeit in den europäischen Königshäusern eben gang und gäbe war. Die Figuren in der Serie nutzen wenn überhaupt nur französische Redewendungen. Aber dieser Unterschied ist dann wirklich zu vernachlässigen.

Von den drei Hauptfiguren sprang vor allem Paul Dano als Pierre Bezukhov ins Auge, der das innere Leiden Pierres in meinen Augen sehr gut verkörpern konnte und der Figur ein angemessenes Auftreten ermöglichte. Meine anfängliche Unsicherheit in Bezug auf James Norton als Andrei Bolkonsky verflüchtigte sich im Laufe der Serie. Ich nahm ihm dann irgendwann den Fürsten vollends ab, der im Roman in seiner Persönlichkeit zwar noch vielschichtiger ausgearbeitet wird als in der Serie. Aber die Wandlung des Fürst Andrei empfand ich schon als gelungen. Kommen wir also zu Lily James.

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Für mich war Lily James die schwächste Hauptbesetzung. Wenn man bedenkt dass Natasha im Roman noch ein Kind/Jugendliche ist (12 bis 19 Jahre), empfinde ich Lily James hier als Fehlbesetzung. Ich kann das gar nicht so richtig beschreiben, ich fand ihre Darstellung der Natasha Rostova als nervend und aufgesetzt. Zu keiner Zeit empfand ich die Figur als authentisch oder mit der Natasha aus dem Roman vergleichbar. In ihrer Person könnte sich daher die dann doch ersichtliche Kürzung des Stoffes auf die Länge von sechs Folgen bemerkbar machen. Für mich tauchen wir zu keiner Zeit richtig in die Gefühlswelt jener für die Handlung so wichtigen Figur ab. Aber das hätte dann wohl zu viel Zeit gekostet. Vor allem in ihrer Beziehung zu Pierre. Schade.

Ansonsten können die Schauspieler schon überzeugen und manch ein Brite geht in der russischen Uniform optisch schon als Russe durch, hier vor allem Jack Lowden als Nicolai Rostov aber vor allem Tom Burke als Fedya Dolokhov und Thomas Arnold als Vassily Denisov. In den britischen Netzwerken werden beide groß gefeiert und man erhofft sich ein Dolokhov/Denisov spin-off. Was es sehr, sehr wahrscheinlich nie geben wird. Schauspieler wie Gillian Anderson und Jim Broadbent hatten aufgrund ihrer Rolle, vor allem Anderson, kaum Zeit zu zeigen, warum man ausgerechnet sie für jene Rolle ausgewählt hat. Broadbent überzeugt allerdings in seinen wenigen Szenen als Prinz Bolkonsyk (Andreis und Maryas Vater) außerordentlich!

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Und wir haben auch einen heimlichen Star: in den britischen Netzwerken werden die Kartoffelszenen mit Pierre/Paul Dano gefeiert. Dies sei die wahre Liebesgesichte des Sechsteilers, so meint man. Dabei bin ich mir nicht mal so sicher, ob die Kartoffel überhaupt in den Romanen vorkommt oder eine Idee der Autoren ist. Ich kann mich da nicht so richtig daran erinnern. Gemeint ist hier, dass er in der Zeit seiner Gefangenschaft eine Freundschaft zu einem einfachen Bauern aufbaut, der ihm die Hälfte seiner Kartoffel überlässt und ihm zeigt, wie genussvoll man diese Frucht verspeisen kann. Pierre erinnert sich dann später wieder an diese Szene und es kommt noch mal zu glänzenden Augen beim Betrachten der Kartoffel. Nice!

Dann hätten wir also auch die wahren Stars der Serie identifiziert, das weiße Pferd aus der ersten Folge und die Kartoffel aus der letzten Folge. So einfach wird man zum Internetstar.

Fazit

Die Serie ist trotz der beschriebenen kleinen Makel auf einem hohen erzählerischen Niveau, die über die gesamte Zeit Spaß macht. Auch wenn man die Story bereits kennt, ist die Inszenierung zu keiner Zeit langweilig. Die Kriegsszenen standen in der Serie nicht so im Mittelpunkt wie im Roman, was aber der Unterhaltung der Serie keinen Abbruch tat.

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Gottseidank wurde der Handlungsplot, der zu Beginn des Sechsteilers angedeutet wird – das inzestuöse Verhältnis zwischen Hélèn und ihrem Bruder Anatole – nicht weiter ausgearbeitet. Auch wenn im Roman an der ein oder anderen Stelle Andeutungen sind, hätte ich diesen Handlungsplot als zu frei interpretiert angesehen und somit völlig fehl am Platze.

Andrew Davies denkt ja bereits über eine weitere Adaption eines literarischen Stoffes nach und in meinen Augen hat es Davies schon geschafft, diese immense Geschichte (im Buch mit über 250 Personen) angemessen und mit dem Auge eines Kenners des Buches sehr liebevoll umzusetzen.

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Chapeau dafür. Sollte man die Gelegenheit haben, den Sechsteiler zu sehen, sollte man sich diese Zeit nehmen. Könnte mir schon vorstellen, dass man früher oder später Pierre, Natasha und Andrei auch mal im deutschen Fernsehen sehen wird.

Bis dahin schaue ich mal, was Tolstoi noch so verfasst hat. Ich schiele da auf „Anna Karenina“. Auch ein Stoff, der gerne noch mal als Miniserie verfilmt werden darf. Ich würde mich freuen.

Bilder: BBC

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