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Der Doku-Tipp

“Martin Scorsese – Von Little Italy nach Hollywood”: Im Gespräch mit dem Regie-Duo der Dokumentation

Spoilerfrei
4. Februar 2024, 08:58 Uhr
Spoilerfrei
Fabio
04.02.24

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Filme wie „Taxi Driver“, „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ und „Departed – Unter Feinden“ machten den Regisseur mit italienischen Wurzeln zu einem der berühmtesten Filmemacher unserer Zeit. Zuletzt erzählte er mit „Killers of the Flower Moon“ die erschütternde Geschichte der Osage Nation. Dass hier, wie in vielen seiner Filme, das Thema Identität im Mittelpunkt steht, wird in der knapp einstündigen Dokumentation „Martin Scorsese – Von Little Italy nach Hollywood“ deutlich. Ich durfte die Macher:innen Camille Juza und Yal Sadat an einem kalten Sonntagmorgen in Paris ganz in der Nähe des Arc de Triomphe treffen, um mit ihnen über ihre Arbeit und meinen Lieblingsregisseur zu sprechen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit? Und wie kann man sich eure Arbeitsteilung vorstellen?

Nun, wir haben uns über einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Cami hat 2018 mit einem Freund von mir eine Sendung für Arte gemacht und er hat uns einander vorgestellt. Ich hatte die Idee, einen Dokumentarfilm über Jodie Foster zu machen. Cami hat zugestimmt und das war unser erstes gemeinsames Projekt. Ich bin Filmkritiker und Journalist, während Cami Dokumentarfilme über Architektur, Kino und all diese Dinge gemacht hat. Nach unserem Jodie-Foster-Projekt war die Frage: Was machen wir als Nächstes? Wir trafen uns mit dem Programmdirektor von Arte und der Name Scorsese fiel. Es war eine logische Konsequenz, einen Film über Scorsese zu machen, denn Jodie Fosters Karriere begann ja mit Martin Scorseses „Alice lebt hier nicht mehr“ und später natürlich „Taxi Driver“. Cami kommt mehr aus dem Dokumentarfilmbereich und auch vom Radio. Ich war anfangs mehr der Autor. Wir haben unsere Fähigkeiten ergänzt und gemeinsam die Bilder ausgewählt und bearbeitet.

Weshalb eine Dokumentation über Martin Scorsese?

Jeder hat sein eigenes Bild von Scorsese. Heute gilt er als Verkörperung des alten Kinos, im Gegensatz zum zeitgenössischen Hollywood und den neuen Generationen. Und wir dachten, das ist irgendwie ironisch, denn als ich ein Kind war, verkörperte dieser Regisseur die Moderne. Er war so modern, er war wie der Tarantino seiner Zeit. Und es ist verrückt, dass die Kids von heute nicht mehr wirklich wissen, wer er ist. Während der Marvel-Kontroverse auf Twitter gab es Tweets von jungen Leuten, die Superhelden und Comic-Fans waren, die sagten: „Hey, Scorsese, nur weil du „Pulp Fiction“ gemacht hast, kannst du nicht kritisieren, was wir lieben.“ Also dachten wir uns, dass wir die Geschichte von Scorsese erzählen müssen, um das Publikum daran zu erinnern, wer er ist.

Ihr habt euch dazu entschieden einen besonderen Fokus auf den italienisch-amerikanischen Aspekt seiner Filme zu legen. Warum?

Nun, wenn man zurückblickt, ist das etwas, was bislang nicht berücksichtigt wurde. Es gibt viele amerikanische Themen auf Arte: Amerikanische Filmemacher:innen, amerikanische Schauspieler:innen usw. Scorsese ist auch Italiener, obwohl er kein Italienisch spricht. Aber irgendwo in seinen Wurzeln und tief in seiner Seele ist Italien, und die Leute wissen es nicht. Auch wenn man ihn für einen Amerikaner hält, gibt es immer etwas Italienisches in ihm. Wenn er einen Film wie „Killers of the Flower Moon“ dreht, spricht er immer auch von Identität und Regeln. Nur mittels jemand anderem, nämlich die indigene Bevölkerung. Wir haben diesen Schwerpunkt gewählt, weil er ein italo-amerikanischer Regisseur ist. Als solcher wurde er Anfang der 1970er Jahre vorgestellt. Er verkörperte Italien und das Recht der italienischen Jugendlichen auf Zugang zur Gesellschaft. Die Leute, die heute auf ihn einprügeln, sagen, Black Panther sei viel progressiver und moderner, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Italo-Amerikaner:innen in den 1960er Jahren in Hollywood nicht präsent waren. Natürlich gab es „Der Pate“, der ungefähr zur gleichen Zeit wie „Hexenkessel“ gedreht wurde, mit dem Francis Ford Coppola Italo-Amerikaner:innen nach Hollywood brachte. Jack Nicholson weigerte sich, die Rolle des Michael Corleone zu spielen, weil er meinte, sie müsse von einem Italo-Amerikaner gespielt werden. Und das war damals sicher nicht einfach. All diese Leute, Coppola, Scorsese und so weiter, wurden zum Sprachrohr der italo-amerikanischen Gemeinschaft. Und dann beschlossen sie, über Identität zu sprechen. Es ist interessant, diese Geschichte zu erzählen und sich darauf zu konzentrieren, dass er eine Art italienischer Spike Lee ist.

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Ist es vielleicht das, was die Dokumentation von anderen Portraits und Büchern unterscheidet?

Ja, ich glaube, dass das, was wir erzählen, so noch nicht gemacht wurde. Manchmal sind es ganz einfache Dinge und Details, wie die Bedeutung von Spiegeln in seinen Filmen. In seinem Kurzfilm „The Big Shave“ sieht man jemanden, der sich rasiert und blutet. Dann gibt es natürlich die legendäre Szene in „Taxi Driver“. Wir wollten diese Szenen zusammenbringen, um zu zeigen, dass es hier um Identität geht und um das Gefühl, das man bekommt, wenn man sich zu lange im Spiegel betrachtet. Ich habe darüber noch nichts gelesen, also dachte ich, das ist etwas, was wir versuchen sollten, schnell zu analysieren, weil wir nur eine Stunde haben. Wir haben immer wieder versucht, solche kleinen Details einzubauen.

Habt ihr Martin Scorsese jemals getroffen?

Nein, leider nicht. Wir wissen auch nicht, ob er den Dokumentarfilm gesehen hat, aber wir hoffen, ihn dieses Jahr beim Festival in Lyon zeigen zu können. Das ist ein wichtiges Filmfestival in Frankreich und der Leiter ist ein Freund von Scorsese. Wahrscheinlich hat er ihm davon erzählt.

Ihr arbeitet in eurem Dokumentarfilm ausschließlich mit Archivmaterial. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Wir haben zwar daran gedacht, Interviews mit Expert:innen und Kritiker:innen zu führen, wollten aber in erster Linie Scorsese selbst zu Wort kommen lassen. Am interessantesten ist es, wenn er über die politischen Aspekte seiner Filme spricht. Und das auf eine sehr intime Art und Weise. Das ist genau das, was wir wollten, denn manchmal ist es toll, wenn ein Experte in einem Dokumentarfilm zu Wort kommt. Das hatten wir zum Beispiel bei unserem Dokumentarfilm über Jodie Foster. Aber es kann auch ablenken, deshalb haben wir uns entschieden, bei seinem Leben und seiner Erfahrung zu bleiben. Seine Filmografie spricht natürlich auch für ihn. Man kann sein ganzes Leben in seinen Filmen sehen.

Die Dokumentation umfasst sein Werk vom allerersten Kurzfilm, den er mit seiner Familie gedreht hat, bis zu seinem neuesten Werk „Killers of the Flower Moon“. Habt ihr euch in Vorbereitung auf die Dokumentation alle seine Filme noch einmal angesehen?

Ja, das war wichtig. Natürlich mussten wir einige Dinge vernachlässigen, was schwierig ist, weil man vielleicht einen Film besonders schätzt, ihn aber nicht aufnehmen kann, weil er nicht zu unserem Fokus passt. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von „Die Zeit nach Mitternacht“. Er hat dieses „Taxi Driver“-Gefühl, aber er ist lustiger. Ich hätte ihn gerne aufgenommen, aber wir konnten nur eine Sekunde daraus am Anfang unterbringen, weil er außerhalb des Themas der Identität liegt. Die Hauptfigur ist kein Italiener, auch wenn er wie Scorsese aussieht, als er 30, 40 Jahre alt war. Aber ja, wir mussten ein paar Sachen kürzen. Ein paar andere Filme wurden auch nicht erwähnt, aber wir sind damit zufrieden, weil wir sie nicht so sehr mögen. Zum Beispiel „Hugo Cabret“ – ich bin kein Fan von diesem Film. Es ist also in Ordnung, wenn man etwas weglässt. Aber wir haben uns alle Filme noch mal angeschaut und manchmal haben wir auch Sachen neu entdeckt. Zum Beispiel habe ich zum ersten Mal Scorseses Dokumentarfilm „American Boy: A Profile of Steven Prince“ über seine Freunde gesehen. Es geht hauptsächlich um Freunde, die keine Italiener sind, die er nach der Uni kennengelernt hat, als er anfing, Filmemacher zu werden und nach Los Angeles ging. Der Film ist kurz, aber er erzählt viel über das neue Leben, das er an der Westküste entdeckt hat. Ich glaube, selbst Cineasten kennen ihn kaum. Bei einer so großen Filmografie vergisst man schon mal den einen oder anderen Film.

Vielen Dank für das Gespräch.

“Martin Scorsese – Von Little Italy nach Hollywood” ist ab sofort in der Arte-Mediathek verfügbar.

Bilder: Arte

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