"Toss a coin..."

Review: The Witcher – Staffel 1

30.12.19 18:13
ReviewThe Witcher
Mini-Spoiler
Maik
30.12.19

Nach dem ausführlicheren Review zur ersten Folge des neuen Netflix-Originals „The Witcher“ möchte ich jetzt noch einmal abschließend zur ersten Staffel einen spoilerarmen Gesamteindruck abgeben. Und der bleibt weiterhin recht positiv.

In den acht Folgen der ersten Staffel erhalte wir allerdings viel Stückwerk zu sehen. Ja, es gibt sie, die übergeordnete Handlung, aber entgegen der zunächst stringent wirkenden Pilotfolge ist das eher ein loser roter Faden, der die Geschehnisse übergeordnet zusammenhalten soll. Je Folge bekommen wir aber schon eher das früher übliche „Monster of the Week“ zu sehen, was gerade vor dem Hintergrund der Videospiel-Umsetzung der eigentlichen Romanvorlage an das Erledigen von Quests erinnert. Dabei ist Henry Cavill als Geralt of Rivia, weißer Wolf und Schlachter von Blaviken, wundervoll grumpy unterwegs. Seine grunzigen Raunzlaute sowie der gezielte Einsatz des Wortes „Fuck!“ haben mich des Öfteren zum Schmunzeln gebracht. So versperrt der Charakter kommunikativ auch ist, man hat es geschafft, ihn dennoch auf ehrenvolle Art und Weise sympathisch und nachempfindbar werden zu lassen. Ich meine, wer von uns hat in der heutigen Zeit nicht bereits eine gesunde Abneigung gegenüber Menschen?!

Auf der positiven Seite der Charaktere macht Barde Jaskier noch eine sehr gute Figur. Er wirkt deutlich seiner Mittelalter-Zeit voraus, wirkt viel zu sauber und modern, und ja, auch sein Humor ist vor allem zu Beginn etwas platt. Aber die Chemie zwischen den beiden, die zunächst nicht ganz funken und dann nicht eingestanden werden möchte, ist durchaus vorhanden. Und dieser verdammte „Toss a coin to your Witcher“-Song ist ein absoluter Ohrwurm. Knaller-Ding!

Bei vielen anderen Figuren habe ich jedoch so meine Probleme. Das mag an den Charakter-Zeichnungen oder aber auch der allgemeinen Erzählweise liegen. Zunächst zu den Figuren. Prinzessin Cirila wirkt, als würde sie die komplette Zeit mit angezogener Handbremse unterwegs sein. Ja, es gibt ihre Ausbrüche und sie dürfte als Mensch auch sehr empathisch und vorbildlich sein, aber größtenteils sehen wir sie passiv, schweigend, flüchtend. Gerade zum Ende der Staffel fühlt es sich eher an, als würde jetzt alles losgehen, die Einleitung wäre vorbei, aber – Abspann. Hm…

Noch wankelmütiger bin ich jedoch Yennefer gegenüber. Soll sie nun gut oder böse sein? Die Figur wird mir viel zu unsympathisch dargestellt, sollte sie gut sein sollen. Vielleicht will man ja auch bewusst mit uns spielen. „Was mag sie nur vorhaben?“ könnte man sich bei all dem totalitäten Wahnsinn fragen, den sie zumindest gedanklich an den Tag legt. Da schwingt sehr viel „zur dunklen Seite der Macht überlaufen“ mit, vom Gefühl her. Mir ist das auch wegen der verquerten Erzählweise nicht ganz klar.

Denn die spielt mit Zeitsprüngen. In der ersten Folge hatte ich noch eine vermeintliche Unlogik offenbart, die eigentlich gar keine war (soviel sei verraten). Aber es ist nicht nur ein Zeitsprung, man hat bis zum Ende nie wirklich Gewissheit, was sich in welcher Relation zum anderen abspielt. Hin und wieder gibt es zwar ein „wir haben uns 12 Jahre nicht gesehen!“ oder so, weil die magischen Figuren jedoch nicht altern, ist es schwer, mitzukommen. Zumal es nicht nur um ein paar Jahre, sondern teils ganze Generationen geht. Es ist jetzt nicht super komplex und unmöglich, alles mitzubekommen, so ist es nicht. Aber es erschwert zumindest die natürliche Erfassung von Charakter-Entwicklungen und somit auch das Nachvollziehen von Zielen und Motivationen. Alles muss stets erklärt werden, was der Sache nicht unbedingt förderlich ist.

Aber die Figuren machen ja zum Glück auch Dinge. „Handlung“ und so. Und die hat ordentlich was zu bieten. Es bleibt trotz der vielen Quests recht abwechslungsreich, wir bekommen ein paar interessante Zaubertricks und Wesen zu sehen, am Ende gar eine sehr imposant umgesetzt Schlacht. Da war schon viel Fantasy-Protz und Spannung dabei. Dabei schwanken die visuellen Effekte leider zwischen schön und grausig anzusehen, was seltsam wirkt, meint man doch, Netflix habe ordentlich Geld in eine Serienproduktion investiert, deren zweite Staffel bereits bestellt ist. Insgesamt passt die Aufmachung aber absolut. Man hat das Gefühl, in einer Fantasy-Welt zu sein, die Kostüme sind größtenteils schön gefertigt, die Landschaften magisch und auch das Spiel mit z.B. den eingangs jeder Episode gezeigten Symboliken hat mir gefallen. Ebenso waren einige sehr schöne Kamerafahrten zu sehen und Henry Cavill, Anya Chalotra und Co. sind physisch wie darstellerisch mit vollem Einsatz dabei. Da kann man auch dem Cast allgemein wenig vorwerfen.

Auch wenn es etwas langweilig ist, bleibe ich bei meiner Bewertung vom Ersteindruck. Auch nach den acht Episoden der Staffel ist das noch immer gute Unterhaltung, die es auf magische Art und Weise schafft, mich in ihren Bann zu ziehen. Dennoch gibt es einige Entwicklungen, die ich besser oder auch schlechter als in der ersten Episode fand. Und doch lande ich im Mittel eben bei vier Kronen.

Die verschachtelte Darstellungsweise mit allerlei Zeitsprüngen wirkt auf der einen Seite interessant, stört aber in manchen Bereichen die Konsequenz in der Erzählung. Ein Vorteil oder auch Nachteil gegenüber umfangreicheren Fantasy-Produktion wie bspw. „Game of Thrones“: Der Hauptcast ist deutlich übersichtlicher. Entsprechend wirkt die Erzählung insgesamt griffiger und konzentrierter. Natürlich fehlt so aber auch die Tiefe und Komplexität in der Gestaltung. Noch weißt das zu funktionieren und mit dem Ende der Staffel wurde wie gesagt problemlos Raum für die anstehende Fortsetzung gelassen. Ich freue mich drauf, Geralts Bildschirm-füllendes Kreuz dann wieder zu sehen zu bekommen. Und diesen Ohrwurm zu hören… Und jetzt alle!

Bilder: Netflix

Meinung? 1 Krone2 Kronen3 Kronen4 Kronen5 Kronen Ø 4,18 (11)

4 Kommentare

  • Man man, ich war so gehyped vor dem Start der Serie. Die erste Folge war echt gut. Doch irgendwie holt sie mich nicht mehr ab. Ich stocke immer noch bei Folge 7. Die Zeitsprünge nerven, weil sie nicht richtig fließen. Doch ich habe die Bücher mit den Vorgeschichten gelesen. Dort sind auch solche Sprünge in den Kapiteln. Respekt was die daraus gemacht haben. Aber man muss auch sagen, Serien aus dem Hause Netflix wie Marco Polo, House of cards oder Sabrina, dort ist einfach eine andere und bessere Qualität und Dichte. Schon der Kamerafilter bei Witcher ist echt mager. Und wenn ich jetzt immer wieder lese, die Serie nun doch gut sein soll. Muss ich wohl weiterschauen. Aber mal ehrlich Staffel 2 muss zulegen. Sonst verfällt der Bonus aus den Spielen und Büchern.

    • Na komm, die eine fehlende Folge schaffste dann doch wohl auch noch! ;) Die lohnt sich auch, reißt wieder ein bisschen was raus.

      Ich hatte mir auch mehr erhofft und war kurz davor, auf 3,5 zu gehen. Aber sehenswert finde ich es – ohne Vorkenntnisse von Buch oder Spiel – schon.

      • Nun habe ich die Staffel durch. Ich kann nur 3 Punkte vergeben. Einfach nur eine solide Serie. Doch wird diese nicht annähernd dem Erfolg von Spiel und Buch gerecht. Der Trailer zur Serie hat mich sehr gehyped, doch was die letztendlich daraus gemacht haben. Zu wenig, für eine Netflix-Serie. Schade für den Hauptdarsteller, er allein kann’s nicht retten.

      • Ja, die Geralt-Szenen haben sich schon deutlich vom Rest abgehoben. 4,5 für ihn von mir, 3 für die anderen. ;)


Hinweis: Bei Kommentar-Abgabe werden angegebene Daten sowie IP-Adresse gespeichert und ein Cookie gesetzt (öffentlich einsehbar sind - so angegeben - nur Name, Website und Kommentar). Alle Datenschutz-Informationen dieser Website gibt es hier zu sehen.